Mit Jörg Petter und den Nordic Walkern des SV Rennertehausen unterwegs

Spazieren gehen mit Stöcken oder Ausdauersport?

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Allendorf-Rennertehausen - Für Nordic Walker gibt es viele Spitznamen: Frosch- oder Laubpiekser, Stockenten, mobiler Kaffeeklatsch. Doch was ist dran an diesen Klischees? Wer betreibt Nordic Walking? Und wenn es wirklich nur Spazierengehen mit Stöcken ist, warum ist es dann so effektiv für die Fettverbrennung?

Um es vorwegzunehmen: Es gibt sie, die gesellige Runde, die laut schwatzend und Stöcke in den Waldboden pieksend unterwegs ist. Es gibt die Spaziergänger, die ihre Stöcke mehr hinter sich schleifen als sich damit abzustoßen. Doch richtig ausgeführt hat Nordic Walking damit nicht viel zu tun. Dann wird es nämlich zu dem ernst zu nehmenden Ausdauersport, der einst als Sommertraining für Hochleistungs-Skilangläufer entwickelt wurde.

In Rennertehausen hat der Sportverein (SVR) schon seit 2005 eine Nordic-Walking-Sparte, die mittlerweile 81 Mitglieder zählt, davon etwa 50 aktive Walker. „Die müssen es ja können“, habe ich mir gedacht und mich mit Jörg Petter (Foto) verabredet, dem Leiter der Nordic-Walking-Sparte des SV Rennertehausen. Ich möchte mitlaufen und dabei erfahren, warum in diesem Verein Nordic Walking so eine große und treue Fangemeinde hat.

Rund 20 Stunden, bis die Technik richtig sitzt

Jörg Petter ist einer der Nor­dic Walker der ersten Stunde im Frankenberger Land: Vor etwa zehn Jahren belegten er und der damalige SVR-Vorsitzende Hilmar Koch einen der ersten Trainerlehrgänge in der Region. Zuerst entwickelte sich eine Laufgruppe, aus der wiederum die Sparte erwuchs. Über Jahre hinweg bot der SVR Kurse an: jeweils 20 Stunden, verteilt auf fünf bis sechs Wochen. „Bis Koordination und Technik richtig sitzen, dauert es so lange“, betont Jörg Petter.

Das Zauberwort, von dem beim Nordic Walking alles abhängt, ist „richtig“. Denn um die positiven Effekte zu erleben, muss der Bewegungsablauf stimmen. „Nur, weil eine Freundin mal einen Kurs mitgemacht hat, heißt das nicht, dass sie jemand anderem die richtige Technik beibringen kann“, sagt Petter.

Ich senke beschämt den Blick. Voll erwischt. Konkreter hätte der Rennertehäuser meine Situation kaum beschreiben können: Ich habe vor ein paar Jahren gemeinsam mit einer Freundin angefangen, auf eigene Faust zu walken. Wir haben von einer Freundin gezeigt bekommen, wie es geht. Ich gestehe. Jörg Petter lacht.

Zum dienstäglichen Nordic-Walking-Treff finden sich am Rennertehäuser Sporthaus allmählich etwa 20 Läufer ein. Der Blick auf die Truppe beruhigt mich: Nicht alle sehen wie Profisportler aus, viele von ihnen verzichten auf eine spezielle Ausrüstung. Die meisten laufen in bequemer Kleidung. In Laufschuhen und Sportklamotten fühle ich mich deshalb bestens gerüstet.

Das nötige „Startgeld“ für Neueinsteiger liegt bei etwa 150 Euro. So viel sollte insgesamt für Walkingschuhe und ein paar vernünftige Stöcke investiert werden, empfiehlt Petter. Von Billigprodukten rät er gerade bei den Stöcken dringend ab. Empfehlenswert für alle, die auf Ausdauersport-Niveau laufen wollen, ist Funktionskleidung, die den Schweiß vom Körper weg transportiert. Jörg Petter trägt außerdem spezielle Handschuhe und einen Gurt, in dem er Trinkflasche und Schlüssel verstauen kann. Eine Weste mit Reißverschluss-Taschen erfüllt aber denselben Zweck, und für den Anfang sind auch normale Joggingschuhe gut geeignet.

Für mich geht es gut los: Jörg Petter schaut sich erst mal meine Stöcke genau an und nickt anerkennend. Obwohl ich beim Kauf vor ein paar Jahren ziemlich ahnungslos in Sachen Nordic Walking war, habe ich einen Volltreffer gelandet: Meine Stöcke sind super. Sie haben einen hohen Carbon-Anteil (was sie leicht, aber stabil macht) und das beste Handschlaufen-system, das es aus Petters Sicht gibt. Auch die Länge ist gut gewählt: Die hatte ich damals per Konfigurator im Internet auf einer seriös wirkenden Nordic-Walking-Seite ermittelt, und der Verkäufer im Laden hatte dieselbe Länge empfohlen. Ich bin zufrieden.

Dann ist es mit dem Lob aber auch schon vorbei: „Ach du liebe Zeit“, ruft Jörg Petter, als er sieht, wie die Stöcke an meinen Händen baumeln: Ich habe die Schlaufen viel zu lose eingestellt. Das ist zwar schön bequem, hat aber zur Folge, dass die Stöcke unkontrolliert herumschlackern. Es wird also nachjustiert.

Dafür habe ich mit den abnehmbaren Gummipömpeln an der Spitze der Stöcke bisher intuitiv alles richtig gemacht: Bei Teer habe ich sie drauf gelassen, auf Schotter oder Waldwegen abgenommen. Als ich Petter danach frage, erfahre ich, dass sie mitnichten „Pömpel“ heißen, sondern Pads - und dass meine reif für die Mülltonne sind. Das Gummi ist so abgerieben, dass der harte Kunststoffkern schon durchkommt. Na, wenigstens hat Jörg Petter jetzt den Beweis, dass ich die Stöcke regelmäßig benutze. Dann zeigt er mir ein paar Übungen, mit denen ich die Schultern lockern und die Koordination der Arme trainieren soll.

Da so wie ich auch viele andere auf einen Kurs verzichten, wird Nordic Walking häufig falsch ausgeübt. Manchmal hat das nur die Folge, dass eben nicht 90 Prozent des Körpers trainiert werden. Ab und zu jedoch kann es aber auch negative Auswirkungen haben: Wer die Stöcke falsch aufsetzt, kann Probleme mit den Schulter- oder Ellbogengelenken bekommen. Durch falsche Bewegungsabläufe können Belastungen und Verspannungen auftreten - also das Gegenteil dessen, was dieser Sport eigentlich bewirken soll (siehe Kasten).

Wie jeden Dienstag starten die zwei Gruppen gleichzeitig, aber in verschiedenen Tempi und auf verschiedenen Strecken: Die schnelle Truppe läuft meistens etwa eine Stunde und legt dabei rund sieben Kilometer zurück, die andere Gruppe ist gemütlicher unterwegs und läuft etwa eine Dreiviertelstunde lang. Unter ihnen ist auch Petters Mutter, die mit 79 Jahren der lebende Beweis dafür ist, dass Nor­dic Walking auch etwas für Senioren ist. Ich reiße bewundernd die Augen auf: 79? Ich habe größten Respekt vor Menschen, die es schaffen, bis ins Alter so fit zu bleiben.

„Das Tolle an diesem Sport ist: Jeder kann sein Tempo laufen“, unterbricht Petter meine Gedanken. Die geruhsamere Gruppe hat sich gerade auf den Weg gemacht. Es bleiben genau die drei Männer und drei Frauen übrig, deren Ausrüstung durchaus auf Ausdauersport schließen lässt.

Mir kommen Zweifel. Hoffentlich sind das keine Rennsemmeln, denen ich außer Puste und mit hochrotem Kopf hinterherhecheln muss. Da beruhigt mich Petters Information, dass auch in der Gruppe jeder sein Tempo läuft und die schnellen alle paar Hundert Meter auf die anderen warten, nur minimal. Aber jetzt ist es eh zu spät: Los geht’s über die Eder in Richtung Berghöfer Wald.

Zwei Mitläufer sind uns schon nach einigen Hundert Metern ein gutes Stück voraus. „Und die laufen jetzt noch mit angezogener Handbremse“, schmunzelt Petter. Es dauert nicht lange, da sind sie hinter ein paar Kurven verschwunden. Ich fühle mich ein paar Sekunden lang in meinen Befürchtungen bestätigt, aber zu Unrecht: Die restlichen vier - unter ihnen auch der ehemalige Vorsitzende Hilmar Koch - sind in etwa so schnell unterwegs wie ich sonst auch, vielleicht ein bisschen schneller. Trotzdem stelle ich fest: Der Winter war lang.

Alternative bei Knie- und Gelenkschmerzen

Während ich mich dem Rhythmus der Gruppe anpasse, überlege ich, welches „Training“ ich in den vergangenen Wochen hatte: ein paar Spaziergänge, ein-, zweimal Nordic Walking (oder das, was ich bisher dafür hielt) sowie eine drei- und eine vierstündige Wanderung. Training ist also das falsche Wort. Die anderen walken zwei- bis dreimal pro Woche.

Schon bald geht es eine längere Strecke bergauf. Währenddessen erzählt Jörg Petter von seinem Hobby. Er selbst ist der „klassische Fall“: Wegen Knieproblemen musste er das Joggen und Fußballspielen aufgeben. Auch Tennis und Badminton stellten sich als ungeeignet für seine Gelenke heraus. Also suchte er nach einer Alternative, um fit zu bleiben. Mit Nordic Walking hat er die perfekte Lösung gefunden. „Es ist gelenkschonend, weil es keine Flugphase wie beim Joggen gibt. Trotzdem tut man was für die Fitness und bekommt viel frische Luft.“

Apropos Luft: Es geht immer noch bergauf und ich bin ein bisschen außer Atem, aber Unterhalten geht noch gut. Das ist auch wichtig, sagt der Rennertehäuser: „Das Training ist nur dann effektiv, wenn es im aeroben Bereich bleibt.“ Das heißt, der Körper nimmt noch genug Sauerstoff auf, um die Muskeln zu versorgen. Das ist entscheidend, damit die Energie aus den Fettdepots gezogen wird. Als uns eine Joggerin entgegenkommt und freundlich grüßt, erwähnt Petter, dass eine Stunde Nordic Walking für die Fettverbrennung deutlich effektiver ist als eine halbe Stunde Jogging, allerdings ohne nachher völlig verschwitzt zu sein. „Erst durch Ausdauer verbrennen Kalorien.“ Da meine sämtlichen Joggingversuche bisher kläglich gescheitert sind, kann ich mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen.

Auch, wenn er ein Profi in Sachen Walking ist, gibt Jörg Petter auf unserer Runde über den Wiesenfelder Weg und zurück Richtung Eder nicht den Kursleiter. Jeder läuft so, wie er sich wohlfühlt, egal ob die Technik perfekt ist oder nicht. Schließlich ist das ein Lauftreff, kein Kurs. Diese Mischung ist es wohl, die den Erfolg der Rennertehäuser Walking-Sparte ausmacht: Sport in einer netten Gemeinschaft und die Möglichkeit, so viel Ehrgeiz und Anstrengung zu investieren, wie man möchte.

Mir gibt der ausgebildete Kursleiter trotzdem zwischendurch Tipps: Ich soll locker in der Schulter werden, die Stöcke nicht nach hinten oben werfen, sondern schräg nach hinten wegstrecken. Und ich soll größere Schritte machen, dann klappt das Stöcke-nach-hinten-Schwingen auch besser. Sofort merke ich den Unterschied und bedaure (nicht zum ersten Mal), dass ich keine längeren Beine habe.

Nach etwa 20 Minuten denke ich gar nicht mehr ans Laufen. Meine Beine und Arme bewegen sich ganz von allein, ich fühle mich wohl. Das ist kein Zufall: „Die Endorphinausschüttung beginnt nach einer halben Stunde“, sagt der 50-Jährige. Kurz vor dem Ziel habe ich zwar das Gefühl, einen roten Kopf zu haben, aber das wird mir von meinen Mitläufern nicht bestätigt.

Lieber langsam walkenals gar kein Sport

Der Rückweg führt über die Ederklippen in die Ederaue bei Rennertehausen. Nach einer guten Stunde kommen wir wieder am SV-Heim an. Wir halten noch ein Schwätzchen und machen dabei ein paar Dehnübungen, bevor wir uns verabschieden. Die anderen werden sich schon in wenigen Tagen zur nächsten gemeinsamen Runde wiedersehen. Und ich werde bestimmt mal wieder mit dabei sein. Die Termine - dienstags und freitags um 18 Uhr - kenne ich ja jetzt.

Auf der Fahrt nach Hause gehen mir die süffisanten Lästereien über Nordic Walking nicht aus dem Kopf. Wo ist eigentlich das Problem? Auch die, die nicht so viel Wert auf Technik und Tempo legen, bewegen sich an der frischen Luft. Das ist gut für den Geist, für den Körper und für die Laune. Und es ist mehr, als so mancher, der über den „mobilen Kaffeeklatsch“ lästert, von sich selbst behaupten kann.

Informationen gibt es unter www. sv-rennertehausen.de.

Von Andrea Pauly

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