Die Studentin Annina Braumann aus Hannover erforscht Erinnerungskultur nach Wigand Gerstenberg

Auf den Spuren des Chronisten

Bilder aus der Stadtchronik: Mit ihnen suchte Annina Braumann, Studentin aus Hannover, in der Frankenberger Altstadt Orte auf, an denen der Priester und Chronist Wigand Gerstenberg im 15. Jahrhundert gewirkt hat. Foto:  Völker

Frankenberg. Als die Glut aus dem brennenden Gewölbe der Liebfrauenkirche auf die Bänke fiel, „namen die gesellen das wywasser uss den steynen unde lesscheten ess uss“, schrieb Wigand Gerstenberg, Augenzeuge des großen Stadtbrandes von 1476, in seiner Chronik. Am Altar, wo damals er junge Priester diente und beim Löschen half, ging jetzt eine junge Kulturwissenschaftlerin auf Spurensuche, die sich seit Monaten mit dem hessischen Chronisten Gerstenberg befasst hat.

Bis dahin kannte Annina Braumann (Hannover) die chronistische Arbeit des Frankenberger Gelehrten nur aus der gedruckten Literatur. Innerhalb ihres Studiums an der Fernuniversität Hagen hatte sie auch schon eine Modul-Prüfung über die die Illustrationen der Gerstenberg-Handschrift abgelegt. Mit aller Theorie wuchs aber ihre Neugier, Frankenberg als Schauplatz seiner Schilderungen ganz konkret kennenzulernen. „Es berührt mich schon, an der Stelle zu stehen, in der er als Altarist gewirkt hat“, meinte sie, als sie die Liebfrauenkirche betrat. Im Chorraum bewunderte sie das Fragment eines Altarbildes mit der heiligen Elisabeth, das Wigand Gerstenberg gestiftet hat.

„Jetzt durch die Gassen von Frankenberg zu gehen, ist für mich erlebte Geschichte“, meinte Annina Braumann. Bei ihrem Rundgang mit der Kamera verglich sie die Namen der Gassen, entdeckte das Eckhaus am Untermarkt, wo im Mai 1476 der verheerende Stadtbrand begonnen hatte. Wie bewusst ist den Frankenbergern heute noch dieser Wigand Gerstenberg? Ist man eigentlich immer noch der Stadt Treysa verbunden, die 1476 mit „drei guten Wagen voller Brot und Kleider“ den abgebrannten Frankenbergern half, was man „auf ewig nicht vergessen sollte“? Das waren Fragen, die die junge Historikerin bewegten.

Wissenschaftliche Arbeit

Sie schreibt in Hannover eine wissenschaftliche Hausarbeit über Erfahrungsgeschichte und Erinnerungskultur, bei der sie untersucht, wie Chronist Gerstenberg ganz bestimmte identitätsstiftende Ereignisse, zum Beispiel seinen Mythos von der Stadtgründung schon 520 n. Chr. und den höchst anschaulich erzählten Stadtbrand von 1476, einsetzte, um damit das Selbstbewusstsein der Frankenberger zu stärken. „Die Schaffung eines kollektiven, kulturellen Gedächtnisses bedeutet zugleich Schaffung einer Basis zur Identitätsbildung einer Gemeinschaft“, erläutert die junge Forscherin.

Bei ihrem Besuch in Frankenberg erfuhr sie, dass dort nicht nur eine Grundschule und eine Straße den Namen des berühmten Chronisten tragen. Im März 2008 holte der Frankenberger Geschichtsverein die kostbare Originalhandschrift des Wigand Gerstenberg aus Kassel leihweise für einen Tag in das Foyer der Volksbank Mittelhessen zurück, bevor im Kreis-Heimatmuseum eine Sonderausstellung mit seinen Chronik-Illustrationen eröffnet wurde.

Wertvoller Beitrag

Als besonders wertvollen Beitrag zur Gerstenberg-Forschung schätzt Annina Braumann den 2003 erschienenen Bildband von Ursula Braasch-Schwersmann und Axel Halleüber die Chronikillustrationen ein.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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