Wohngruppe im Sonnenhof in Battenhausen besteht seit 25 Jahren

Stabilität, Verlässlichkeit, Vertrauen

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Haina-Battenhausen - Aus dem Restaurant wurde ein Gruppenraum, in der Küche wird nicht für Gäste gekocht, sondern für Bewohner: Seit 25 Jahren ist das ehemalige Hotel Sonnenhof in Battenhausen ein Zuhause für Menschen mit geistigen Behinderungen. Am Sonntag sind alle Interessierten eingeladen, mit Bewohnern und Mitarbeitern zu feiern.

Für die Bewohner war es ein Meilenstein: Als vor 25 Jahren die Heilpädagogischen Einrichtungen gegründet und dezentrale Wohngruppen eröffnet wurden, hatten viele Menschen zum ersten Mal die Chance auf Stabilität, persönliche Beziehungen und familienähnliche Strukturen. Einige von ihnen waren vor der Gründung der HPEs in der Langzeitpsychiatrie und Forensik gewesen, andere hatten eine Odyssee durch verschiedene Heime und Einrichtungen hinter sich.

Zwei Wohngruppen zogen im Sonnenhof in Battenhausen ein - einem ehemaligen Hotel. Dort sind sie bis heute ansässig. Im Erdgeschoss befinden sich die Gruppenräume, in den oberen Stockwerken die Zimmer der Bewohner. Doris Schreiber und Inna Schäfer leiten die Außenstelle gemeinsam, jede ist für eine der beiden Gruppen zuständig.

In der Wohngruppe leben die Bewohner in einer familienähnlichen Struktur. Tagsüber gehen elf von ihnen in die Tagesstätte der HPE, zwei fahren in die Lebenshilfe-Werkstätten. Acht Bewohner bleiben im Sonnenhof und haben dort einen strukturierten Alltag.

Die Betreuung dieser Menschen ist in gewisser Weise eine Gratwanderung. Denn einerseits handele es sich um Erwachsene, die auch als solche respektiert und behandelt werden sollten, erläutert Doris Schreiber. Andererseits befänden sie sich in mancher Hinsicht in der Entwicklungsstufe eines Kindes.

Der Sonnenhof funktioniert nach dem Selbstversorger-Prinzip: Den Einkauf und einen Teil der Wäsche erledigen die Mitarbeiter selbst - unter Beteiligung der Bewohner. Eine Köchin sorgt jeden Tag für das Essen. Die Betreuten dürfen ein Stück weit mitbestimmen, was es gibt. Auch da finden sich Parallelen zu Kindern: „Sie mögen das am liebsten, was auch Kinder gerne essen“, schmunzelt Doris Schreiber, „Pommes und Würstchen, Schnitzel, Lasagne, Pizza und Hamburger.“

So wie in vielen Familien auch sollen die Wochenenden Abwechslung vom Alltag bieten. Die Betreuer unternehmen mit ihren Gruppen Ausflüge, gehen mit ihnen Kaffee trinken oder ins Kino.

Problematisch wird die Betreuung im Sonnenhof erst, wenn die Bewohner älter werden und ein gewisser Pflegebedarf besteht. Seit dem Einbau eines Aufzugs vor sechs Jahren gibt es zwar eine gewisse Erleichterung - doch die HPE ist keine Pflegeeinrichtung im eigentlichen Sinn.

Jeder hat ein anderes Ziel

Im Fokus steht dort der heilpädagogische Ansatz. Die HPE arbeitet mit dem Konzept der „entwicklungsfreundlichen Beziehung“. Sie verfolgt das Ziel, „jeden einzelnen da abzuholen, wo er steht“, sagt die Heilpädagogin. Für jeden Bewohner sind konkrete Ziele formuliert: „vermehrte innere Ruhe“ für den einen, „mehr Bewegungserfahrungen“ für den anderen, „Selbstsicherheit stärken“ für den nächsten. Mit welchen Schritten diese Ziele erreicht werden sollen, ist ebenso festgehalten. Den Überblick behalten feste Bezugspersonen aus dem Team der Mitarbeiter.

Diese Art der Betreuung zeigt Erfolg. Als Beispiel erzählt Doris Schreiber von einem Bewohner, der anfangs den Sonnenhof nicht verlassen wollte - er konnte nicht einordnen, dass er abends wieder zurückkehren würde. „Er hat eine Wahnsinnsentwicklung hinter sich: Heute liebt er die Tagesstätte, Ausflüge und Freizeiten.“

Das Konzept allein reicht nicht: „Man muss mit den Bewohnern in Beziehung treten“, sagt Schreiber. Wer sie gut kenne, wisse auch bei kommunikativen Einschränkungen genau, was sie wollen. Die Bereitschaft, sich einzulassen, zuhören, Erfahrung - all das sei für die Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen notwendig.

Durch ihre Einschränkungen halten sich die Bewohner der HPE nicht an gesellschaftliche und soziale Konventionen. Sie halten den üblichen körperlichen Abstand zu anderen nicht ein und erfordern viel Aufmerksamkeit. Zudem sind sie sehr fixiert auf Bezugspersonen und fordern die ganze Zeit einen unmittelbaren Kontakt. Auch Langfristigkeit, Stabilität und Verlässlichkeit sind wichtig: „Wenn hier morgen auf einmal vier neue Mitarbeiter wären, würde es schon sehr schwierig.“

In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Anspruch an die Betreuer gesteigert, sagt Schreiber, vor allem, weil mehr junge Leute mit einem herausfordernden Verhalten hinzugekommen seien. Dennoch: Sie bekomme sehr viel zurück. „Man erntet hier wirklich, was man sät.“

Am Sonntag, 12. Juli, lädt das Team der Wohngruppe Sonnenhof in der Kiesbergstraße alle Nachbarn, Freunde, Familienmitglieder und Interessierten dazu ein, unter dem Motto „25 Jahre ein Zuhause“ mit ihnen zu feiern. Von 10 bis 18 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen, außerdem sind Gegrilltes und Ofenplätze im Angebot. Einige Musiker aus Battenhausen, der Männergesangverein und die Line-Dance-Gruppe „Just for fun“ treten auf. Für Spaß sollen eine Hüpfburg und Treckerfahrten sorgen.

Von Andrea Pauly

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