Dirigenten-Kurs in Frankenberg

Wie aus dem Stabschwung Töne werden

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Wie vor dem Orchester: Dozent Jens Weißmantel referiert nicht nur trocken über Stabschwünge und Atemtechniken. Er lebt sie vor, bebend vor Energie.

Frankenberg - Hände, Atem - der ganze Körper: Dirigieren ist mehr als das Schwingen eines Taktstockes. Acht Dirigenten aus der Region haben ihre Kenntnis musikalischer Magie erweitert.

Schulter an Schulter blicken acht Zauberlehrlinge ihrem Meister ins Gesicht. Er atmet scharf ein, hebt seinen Stab - und lässt die Lehrlinge Magie spüren. Tatsächlich erinnert an Zauberei, was im Vereinsheim der Frankenberger Stadtkapelle geschieht. Das beweist spätestens der nächste Tag. Die Lehrlinge dürfen ihr Wissen an lebendigen Menschen erproben: Sie sind Dirigenten, das Sinfonische Blasorchester aus Korbach und Lelbach hört auf ihr Wort. Oder: auf ihren Stab, ihre Hand, ihren Atem.

Denn genau darum geht es: Dass die Musiker nicht spielen, was sie auswendig gelernt haben, sondern das, was der Dirigent vorgibt. Denn Musik, das ist mehr als eine Abfolge von Noten. Das ist Tempo, Lautstärke, Intensität. Und es ist ganz viel Interpretationssache.

„Man kann auf verschiedene Weise Erfolg haben. Die Musik muss ja ‚nur‘ gut klingen“, sagt Jens Weismantel. Er ist der Zaubermeister. Er bringt den heimischen Lehrlingen das Handwerk näher. Dabei sind die meisten von ihnen mit dem Taktstock nicht unvertraut: Sie dirigieren selbst Orchester und Musikvereine - oder übernehmen zumindest gelegentlich den Taktstock. „Aber es schleichen sich auch Gewohnheiten ein, die man selbst selten überprüft“, weiß der Profi. Weismantel, Jahrgang 1976, dirigiert seit 1993, als er seine Ausbildung zum Blasorchesterdirigenten beim Hessischen Musikverband mit Auszeichnung abschloss. Den Kurs für fortgeschrittene nebenberufliche Dirigenten - den B-Lehrgang - schloss er 2002 mit dem Prädikat „sehr gut“ ab. 2007 gründete er die Bläserphilharmonie Rhein-Main, leitet zwei Orchester und ist außerdem als Gymnasiallehrer für Musik und Geografie tätig.

Und nebenbei als Lehrer für Leiter unterschiedlich großer Orchester. „Es geht dabei um die Verfeinerung der Schlagtechnik“, sagt Weismantel, „und um das Erlernen neuer Ausdrucksmöglichkeiten“. Etwa das Atmen. Für den Laien mag es nur eine lebenswichtige Körperfunktion sein. Für den Dirigenten ist es ein Mittel zur Beherrschung des Orchesters - und das will sorgsam eingesetzt sein. „Wir haben im Rhein-Main-Gebiet einen Kollegen, der immer so beginnt...“, sagt der Lehrer, zieht sich demonstrativ auf die Zehenspitzen, atmet zischend scharf ein - und setzt zuckend den ersten Takt. Der Zuschauer erwartet ein orchestrales Gewitter. Der Musiker eigentlich auch - es sei denn, er weiß von der Marotte des Dirigenten.

Das Orchester erziehen

Diese Hektik, wo sie nicht nötig ist, ist auch bei Weismantels Kurs spürbar. Da braucht auch der Dozent Geduld: Seine Lehrlinge setzen an, er singt, was das Orchester spielen würde - und erntet immer und immer wieder verdutztes Innehalten. So lange, bis sich jeder beherrscht: Gezwungen langsam und betont ziehen die Dirigenten ihre Arme durch die Luft. „Ihr erzieht euer Orchester“, erinnert der Lehrer.

Für Christian Schmidt ist vieles davon noch neu. Er leitet die Jugend der Dodenauer Feuerwehrkapelle, baut gerade sein Abitur. „Dirigieren ist wie Schule: Man muss auch zu Hause was machen“, sagt er. Und „zu Hause“ heißt in diesem Fall vor allem: aus eigener Initiative. Schmidt kann einiges aus dem Kurs für seine Schulprüfungen mitnehmen. „Wichtig ist aber auch die Lockerheit vor dem Orchester“, sagt er. Ganz nach Weismantel: Der Dirigent überträgt alles auf das Orchester. Ist er verkrampft, ist die Musik ebenfalls verkrampft. Dem ist oft nur mit Training und Routine zu begegnen. Proben dürfen Schmidt und seine sieben Kollegen das vor einem echten Klangkörper. Bereitwillig lassen sich die Musiker aus Korbach und Lelbach von fremden Dirigenten leiten. Sie machen Ausflüge in völlig unterschiedliche musikalische Welten: „Griechischer Wein“, „Festival Prelude“ von Alfred Reed, Frank Sinatra und ein Konzertmarsch. Das klappt - mal mehr, mal weniger. Denn ihre Aufgabe, das zu spielen, was die Dirigenten ihnen anzeigen, erfüllen sie mit Bravour.

Einige Male heben die Dirigenten verwundert die Augen, lassen verdattert den Taktstock sinken. Bis die Erkenntnis einsetzt, wo der Fehler lag. Und mit ihr die Erkenntnis, dass Dirigieren aussehen mag wie Magie, tatsächlich aber eine Frage der Beherrschung ist: Der Beherrschung des eigenen Körpers und des Klangkörpers.

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