Frankenbergerin Ulrike Loske ist ein Besatzungskind

Die Suche nach den eigenen Wurzeln

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Ein Brief ihres amerikanischen Vaters diente Ulrike Loske als Spur zu ihren Halbgeschwistern. Im Dezember 2013 traf sie das erste Mal auf ihre bis dahin unbekannte Familie. Fotos: Treude/pr

Frankenberg - Ein Brief adressiert an ihre Oma und ein Foto: Das ist alles, was Ulrike Loske zunächst von ihrem Vater hat. Sie ist ein Besatzungskind. Ihr US-amerikanischer Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Deutschland - dann verschwand er. Ulrike Loske hat sich auf die Suche gemacht.

„Ich will keine Schande über deine Familie bringen.“ Diese Worte schreibt der US-amerikanische Soldat Luis Niell in seinem Brief. Er entschuldigt sich damit bei Ulrike Loskes Großmutter. Er müsse nun wieder in die USA. Später wolle er aber nach Deutschland zurückkehren, um Hedi - Ulrike Loskes Mutter - mit in die Staaten zu nehmen. Luis Niell ist aber nie zurückgekommen. Ob er wusste, dass Hedi schwanger war, ist unklar. Ulrike Loske selbst hat erst viele Jahre später erfahren, dass ihr leiblicher Vater Amerikaner ist.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Besatzungszeit sind viele Kinder deutscher Frauen und amerikanischer Soldaten geboren worden (siehe Hintergrund). Manchmal entstanden Beziehungen, häufig war das Thema Besatzungskind nach dem Abzug der Amerikaner aber tabu.

„Dein Vater ist ein Ami“

Auch in Ulrike Loskes Familie wird nicht darüber gesprochen. Erst mit 15 Jahren wird die heute 68-Jährige auf ihre Wurzeln aufmerksam. „Dein Vater ist ein Ami“, lautet der Satz ihres Onkels mit nachhaltiger Wirkung, Auf Nachfrage erhält sie weder von ihrer Mutter noch von ihren Großeltern eine Antwort. „Wenn meine Mutter sagte, darüber wird nicht gesprochen, dann war das auch so“, erinnert sich die Frankenbergerin, „es wussten alle, aber keiner sagte was.“

Das Thema wird tabuisiert wie in vielen anderen Familien auch. In Andernach bei Koblenz geht Ulrike Loske mit weiteren Besatzungskindern zur Schule. Manche davon hätten ihren Vater gekannt. Der Satz „Sei froh, dass dein Kind nicht dunkel ist“ sei unter Eltern häufiger gefallen. Auch im Umgang mit ihrer eigenen Verwandtschaft hat sie es nicht leicht. „Manchmal fühlte ich mich wie das fünfte Rad am Wagen“, sagt Ulrike Loske wenn sie an ihre Cousins und Cousinen denkt.

Sie beschäftigt sich zunächst nicht mehr mit dem Thema. Erst nach dem Tod ihrer Mutter findet sie den Brief und ein Foto ihres vermeintlichen Vaters. Der Brief ist verfasst auf einem Formular der US-Armee, auf dem der Name Luis Niell steht. Das muss ihr Vater sein. Sie wendet sich damit an ein Archiv in den Vereinigten Staaten und erhält eine Antwort. Niell ist bereits 1988 gestorben. Noch 1945 ist er aus der Armee ausgetreten. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt war der Soldat 24 Jahre alt.

Ein erster Versuch der Kontaktaufnahme zu Luis Niells Kindern scheitert. Im Sommer 2012 erfährt sie von der Kasseler Selbsthilfegruppe „Amerikanische Besatzungskinder“. Zunächst sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie mit ihrer Geschichte an die Gruppe herantreten wolle, sagt Ulrike Loske. Doch sie entschließt sich für diesen Schritt. Dann geht alles sehr schnell.

Der Brief von Luis Niell geht an die Gruppe „Gitrace“, die dabei hilft, Besatzungsväter zu finden. Über ein Archiv in St. Louis wird Kontakt zu Ulrike Loskes Halbgeschwistern James und Norma hergestellt. Weihnachten 2013 macht sie sich mit ihrem Ehemann auf den Weg nach San Diego, wo ihre Tochter lebt. Zwei Tage vor Silvester treffen die Familien in Madera in Kalifornien das erste Mal aufeinander.

Der Kreis schließt sich

Auch wenn James Niell zunächst noch Zweifel hat, ob sein Vater tatsächlich ein Kind in Deutschland hat - der Empfang ist sehr herzlich. „Es war alles etwas unwirklich. Ich hatte das Gefühl, als würde ich neben mir stehen“, sagt Ulrike Loske. Gemeinsam blättern die Halbgeschwister in Fotoalben und Unterlagen - dabei finden sie auch ein Heft aus Andernach aus der Kriegszeit, das Luis Niell wohl als Andenken mitgenommen hat.

Derzeit besteht noch sporadisch Kontakt in die USA. Ulrike Loske ist froh, diesen Teil ihrer Geschichte aufgedeckt zu haben, auch wenn sie nie unter der Ungewissheit gelitten habe: „Ich finde es für meine Kinder gut, dass sie wissen, wo ihre Wurzeln sind. Ich wäre aber nicht enttäuscht gewesen, wenn es nicht geklappt hätte.“

Nun schließt sich der Kreis für die Frankenbergerin: Die Tochter lebt in den USA, und sie selbst zieht gemeinsam mit ihrem Mann, der Soldat war, nach Erlangen - dort werden die beiden auf einem ehemaligen amerikanischen Kasernengelände leben. (tt)

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