Kulturring bot Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in englischer Sprache

Tagträume und Trugbilder

Der amerikanische Traum: Salesman Willy Lohman (John Moraitis, Mitte) und seine Söhne Biff (Dan Gingell, links) und Happy (George McLean) wollen den großen Erfolg einer Football-Mannschaft. Foto: Völker

Frankenberg. Ein Mann sitzt im Dunkeln am Lenkrad, zwei Scheinwerfer leuchten auf, Reifen quietschen auf dem Asphalt: Szenen am Anfang und Ende eines packenden Theaterabends, der Rückschau auf das Leben und schließlich den „Tod eines Handlungsreisenden“ hielt.

„American Dream“ entlarvt

Die „American Drama Group Europe“ bot auf Einladung des Frankenberger Kulturrings auf der Bühne der Ederberglandhalle das berühmte Theaterstück, für das Arthur Miller 1949 den Pulitzerpreis erhielt, in einer atmosphärisch dichten, nuancenreichen Inszenierung in englischer Sprache.

Die Geschichte handelt im boomenden Amerika des 20. Jahrhunderts, als die „Million-Dollar-Idee“ Menschen bis zur Selbstaufgabe vor sich her trieb. Der Handlungsreisende Willy Loman beispielsweise, arbeitslos geworden und im Konflikt mit seinen Söhnen, zerbricht an einem inhumanen Wirtschaftssystem, in dem es nur auf den materiellen Erfolg ankommt. Arthur Miller entlarvt in seinem Stück den „American Dream“ als Trugbild, in der die Tragödie der systemimmanenten Hauptfigur des „Salesman“ für eine gescheiterte Gesellschaftsordnung steht.

Paul Stebbings von der „American Drama Group Europe“ inszenierte den Theater-Klassiker der Moderne mit sparsamen Mitteln, aber einem faszinierenden Wechsel von Bildern, kleinen, wohl durchdachten choreografischen Bewegungen, die bis in die Bühnenumbauten hinein reichten.

Für Atmosphäre wie beim Hörspiel der 1950er-Jahre sorgten Zwischenmusiken, Tagträume und große Visionen, zerflossen in wirkungsvollem Zwielicht, Realität verblasste hinter schönfärberischer Illusion, Masken schufen Distanz zu Figuren und Ereignissen in den Rückblenden.

Großartig das Ensemble mit Native-Speakern wie John Moraitis, einem selbst in New York geborenen Schauspieler: Sein nie versiegender Redefluss schäumte aus einem müde gewordenen Inneren, seine Wort- und Schreiduelle mit den Söhnen Biff (Dan Gingell bewegend und ausdrucksstark) und Happy (George McLean in kraftvoller Präsenz) mündeten in plötzliche, beklemmende Ruhe. Da gab es kein „befreiendes amerikanisches Lachen“ mehr, wie man es aus TV-Serien des vorigen Jahrhunderts sattsam kennt.

Gareth Fordred überzeugte in den Figuren Charlie/Howard/Stanley mit subtiler Ausdrucksvielfalt, Nichole Bird verlieh den Rollen der flüchtigen Liebesbekanntschaften Lohmans plakativ erotisches Flair. Beeindruckend konturiert auch Sarah Finigan als verhärmte Ehefrau Linda, die ihren trostlosen Ehemann ermutigt, statt seinen Illusionen zu widersprechen. Erst nach seinem Tod ruft sie schwarz gekleidet ins Grab: „We’re free and clear.“

Es gab am Ende lebhaften Beifall für eine beachtliche Ensembleleistung, aber auch anerkennenden Rückapplaus der Schauspieler für die mehr als 200 vorwiegend jungen Besucher, die zweieinhalb Stunden gebannt der Aufführung in der Originalsprache gefolgt waren.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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