Sebastian Christ in Mariupol

Tausende flüchten, andere arbeiten

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„Mir“, Frieden: Die Menschen in Mariupol im Südosten der Ukraine sehnen sich in den Beobachtungen von Sebastian Christ, nicht wieder von den prorussischen Milizen beherrscht zu werden.

Frankenberg/Mariupol - Über Mariupol, eine Stadt im Südosten der Ukraine, legte sich in der Nacht zu Freitag eine gespenstische Stille; zu hören nur stetig näherrückender Gefechtslärm. FZ-Redaktionsleiter Malte Glotz sprach am nächsten Morgen mit dem gebürtigen Frankenberger Sebastian Christ, der sich in einer Stadt aufhält, die im Angesicht des nahenden Krieges erstarrt.

- Guten Morgen Herr Christ. Ich hoffe, die vergangene Nacht war erträglich.

Sie war vor allem kurz. Gestern Abend noch waren die Raketeneinschläge nur als dumpfes Pochen zu hören gewesen, jetzt am Morgen kann man sie sehr deutlich wahrnehmen. Die Hunde in der Nachbarschaft haben das wohl als erste mitbekommen: Sie haben die ganze Nacht durchgebellt.

- Wie fühlt es sich an, den Krieg langsam auf sich zurollen zu hören?

Ich hoffe, dass den Menschen in Mariupol das schlimmste Leid erspart bleibt. Sie haben in den vergangenen Monaten schon genug ertragen müssen. Was mich angeht: Ich bin hier, um über die Ereignisse zu berichten. Wenn ich Angst vor Gefechtslärm hätte, wäre ich in Berlin geblieben.

- Wie weit sind die „Separatisten“ schon auf die Stadt vorgestoßen, wie stark sind die Kämpfe?

Den Geräuschen nach zu urteilen sind sie noch etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

- Die ukrainische Armee verlässt die Region um Mariupol, Sebastian Christ kommt. Warum?

Wir haben in den vergangenen sechs Monaten sehr viel über den Umsturz und die Krise in der Ukraine diskutiert. Viele Menschen in Deutschland haben Zweifel, ob die Dinge so stimmen, wie sie von den Massenmedien und den westlichen Politikern dargestellt werden. Die ganze Debatte zeigt letztlich, wie verunsichert die westliche Welt nach 13 Jahren Krieg gegen den Terror ist. So schlicht es klingt: Mir geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Die Erlebnisse aus Mariupol werden in meinem nächsten Buch eine wichtige Rolle spielen.

- Afghanistan, Irak, jetzt die Ukraine: Ist „Angst“ eine Kategorie, die bei Ihnen eine Rolle spielt?

Eher: Geschichte. Darum soll es auch in dem Buch gehen. Über die Grenzen Europas und wie die Gewalt wieder auf den Kontinent zurückkehrt. Die westlichste Großstadt der Ukraine, Lemberg, ist von Berlin aus gesehen genauso weit entfernt wie Freiburg. Das muss man sich bei dem Krieg in der Ukraine immer vor Augen halten.

- Wie viel Angst zeigt sich Ihnen in der Bevölkerung von Mariupol? Gibt es Fluchtbewegungen?

Es sind wohl schon Tausende Menschen geflohen. Andere gehen auch heute Morgen ganz normal zur Arbeit.

- Das deutsche Fernsehen zeigt Bilder patriotisch hinter ihrer Flagge stehender Ukrainer in der Stadt Mariupol. Ist die Stimmung tatsächlich so einhellig?

Eine repräsentative Umfrage habe ich nicht gemacht. Aber schon im Zug nach Mariupol habe ich keinen einzigen Menschen kennengelernt, der sich die Herrschaft der russischen Milizionäre zurück wünscht. Jeden Tag gehen mehrere Tausend Menschen auf die Straße und demonstrieren für einen Verbleib Mariupols in der Ukraine. Gegendemonstrationen pro-russischer Aktivisten habe ich bisher nicht wahrnehmen können.

- Spüren Sie einen Willen, unabhängig von der Zentralregierung in Kiew sein zu wollen?

Nein.

- Wie gehen die Menschen mit dem Wissen um, dass ihre Stadt Kampfgebiet wird? Wie bereiten sie sich vor?

Viele Geschäfte haben geschlossen, und vor den Banken bilden sich Schlangen. Ansonsten leben hier viele Menschen noch ein ganz normales Leben. Vor meinem Hotel hat gerade ein alter Mann das erste Herbstlaub zusammengefegt. Und das, obwohl in den Außenbezirken gekämpft wird.

- Wie orientieren und verständigen Sie sich in einer fremden Region, wie kommen Sie an Informationen?

Ich kann ein wenig Polnisch, kann das kyrillische Alphabet lesen und habe mir auch ein paar Brocken Russisch angeeignet. Das hilft, auch wenn es natürlich besser wäre, wenn ich fließend Russisch spräche. Zum Glück ist Mariupol nicht nur eine Industrie- sondern auch eine Touristenstadt. Erstaunlich viele Menschen können hier wenigstens ein bisschen Englisch.

- Wann kehren Sie zurück nach Deutschland?

Wenn das hier vorbei ist.

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