Außenstelle des Weißen Rings in Waldeck-Frankenberg besteht seit 30 Jahren

Ein Team von Helfern für Opfer in Not

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Frankenberg - Sie helfen Opfern von Kriminalität – ohne nach einem Mitgliedsausweis, nach Geld oder Bedürftigkeit zu fragen: Die Mitglieder des Weißen Rings. Im Landkreis stehen sie seit 30 Jahren schützend und beratend bereit.

„Wir haben Sachen erlebt, die könnten Sie nicht schreiben“, sagt Hans-Ludwig Wagner. Der stellvertretende Vorsitzende der Außenstelle des Weißen Rings in Waldeck-Frankenberg blättert durch seine Akten, schüttelt ab und an den Kopf. Die Seiten berichten von Fällen, die sich von der Öffentlichkeit oftmals unbemerkt abspielen: Frauen die von ihren Männern geschlagen werden, Aussiedler die auf den Enkel-Trick hereinfallen, junge Frauen die belästigt werden, Menschen die überfallen werden – Opfer von Kriminalität. Ihnen widmen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Weißen Rings in Waldeck-Frankenberg seit 30 Jahren. Die „Außenstelle“, die kein festes Büro besitzt, wird seit Mitte der 1980‘er Jahre maßgeblich von Gregor Mühlhans geprägt. Der ehemalige Polizist ist seit 1992 ihr Vorsitzender. Wegen seines Beruf kam er auf die Hilfsorganisation: „Ich habe schon Mitte der 1960‘er Jahre bemerkt, dass die Opfer nur am Rande beteiligt sind“, sagt er. Das habe ihm an dem Berufsbild Polizist immer gestört: „Natürlich müssen sich die Beamten immer erst um die Spurensicherung kümmern und den Täter fassen“, verteidigt er seine Kollegen – doch gerade in den vergangenen Jahrzehnten sei das Opfer darüber hinaus oftmals geradezu vernachlässigt worden. Heute habe sich das geändert – doch die Arbeit des Weißen Rings sei auch weiterhin gefragt, ist der Frankenberger überzeugt.

Opfer am Abgrund

„Die Opfer stehen oftmals am Abgrund“ erklärt Mühlhans die Situation derjenigen, die zu ihm kommen.Sie haben nicht selten psychische Probleme, einige auch körperliche Versehrungen. Einige stehen wegen der Tat auch finanziell vor dem Abgrund – dann ist es schwer, sich einen Anwalt zu nehmen, um gegen einen Täter vorzugehen. Für derartige Fälle haben Mühlhans und Wagner, aber auch ihre Mitstreiter im gesamten Landkreis, ein Netz aus Ansprechpartnern aufgebaut. Sie wissen, welcher Anwalt auf welchem Fachgebiet gute Arbeit macht. Sie kennen Psychologen, Selbsthilfegruppen und dutzende spezialisierte Opferhilfe-Organisationen, die noch weiter in der Materie stecken, als die Helfer vom Weißen Ring. Auch das nennt Mühlhans eine Besonderheit: „Wir sind die einzigen, die sich Opfern jeder Art von Kriminalität annehmen“, beschreibt er. Es gäbe Gruppen für die Hilfe von Missbrauchsopfern, von Opfern häuslicher Gewalt, von Mobbingopfern und mehr – „die machen alle eine gute Arbeit, aber eben nur auf ihrem Gebiet“. Zum Weißen Ring hingegen könne jeder kommen – egal in welcher Situation jemand steckt. „Bei uns müssen die Opfer auch nicht Mitglieder sein“, betont Mühlhans – das sei sehr wichtig.

Vom Opfer zum Mitglied

Viele Menschen, die die Hilfe des Rings in Anspruch genommen haben, würden jedoch nach der Verarbeitung der Tat Mitglied werden: „Ich habe vor Jahren eine Dame betreut, musste sogar Geld leihen“, beschreibt Mühlhans einen Fall. „Etwa zehn Jahre nach der Tat rief sie plötzlich an. Sie hatte eine Erbschaft gemacht und wollte uns helfen“, erinnert sich der ehemalige Polizist. Die Dame spendete nicht nur für die Arbeit des Vereins, sondern wurde auch Mitglied. Damit ist sie eine von gut 50 000 Menschen deutschlandweit, die die gemeinnützige Organisation durch regelmäßige Gebühren unterstützen. 3000 von ihnen sind Freiwillige wie Mühlhans oder Wagner, die Opfern im persönlichen Gespräch helfen. Im Landkreis gibt es etwa 210 Mitglieder, davon ein knappes Dutzend aktiv in der Opferhilfe. „Manchmal fragt meine Frau, ob das denn sein muss“, sagt Gregor Mühlhans und lacht gequält – nicht selten fährt er spät Abends noch durch den ganzen Landkreis, um mit einem Menschen in Not zu sprechen. „Wir sind dann da, wann wir gebraucht werden – und nicht am nächsten Werktag“, sagt er entschlossen. Teilweise würden die ersten Gespräche mit den Betroffenen gleich zwei oder drei Stunden dauern. Vergütet wird der pensionierte Polizist nicht für diese Arbeit – und auch keiner seiner freiwilligen Mitarbeiter.Umso wichtiger ist es, dass die Aktiven für ihren nahezu unbemerkten Einsatz für die Allgemeinheit angemessen gewürdigt werden: Das 30-jährige Bestehen feiert die Waldeck-Frankenberger Außenstelle des Weißen Rings am Freitag, 2. November, im Kreisheimatmuseum. Mühlhans berichtet dabei aus der Arbeit der Freiwilligen. Landrat Reinhard Kubat und der Vorsitzende des Weißen Rings in Hessen, Horst Cerny, sprechen während der Feierstunde. Mühlhans und Wagner wollen die Anwesenheit von Politik und Gesellschaft nutzen, um auf die Arbeit aufmerksam zu machen: „Es ist ansonsten schwer, sich zu verkaufen“ – denn die Opfer sollen anonym bleiben.

Hintergrund:

Der Weiße Ring ist eine in mehreren Ländern Europas tätige, jeweils eigenständige Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien. Er wurde 1976 in Deutschland unter anderem von dem Fernsehjournalisten Eduard Zimmermann in Mainz gegründet. Die private Bürgerinitiative hat in Deutschland etwa 3 000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer und rund 50 000 Mitglieder. Bundesvorsitzende ist seit Oktober 2010 Roswitha Müller-Piepenkötter. Der Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Stiftungen, Nachlässe sowie Zuweisungen von Geldbußen und nimmt keine öffentlichen Zuschüsse in Anspruch.Zielgruppe der Vereinsarbeit sind Opfer von Kriminalität – von der Sachbeschädigung bis hin zu Hinterbliebenen von Mordopfern. Der Verein gibt finanzielle Unterstützung wo nötig, erteilt Erstberatung nach einer Tat und vermittelt die Opfer an Rechtsanwälte, Ärzte, Psychiater oder andere Opferschutzorganisationen weiter. (Wikipedia/gl)

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