Frankenberger SPD-Nachwuchs entfacht Diskussion um „Marsch in Listenbach“ ·

Trinkfreudige Männerrunde - sexistisch?

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Frankenberg - Für viele Männer ist der Marsch und vor allem das gesellige Beisammensein im Listenbach am Pfingstfreitag ein Höhepunkt im Jahr. Hendrik Klinge, Vorsitzender der Frankenberger SPD-Nachwuchsorganisation Jusos, sieht diese Tradition als überholt an. Er wirft Bürgermeister Rüdiger Heß Sexismus vor und kritisiert das Ausgrenzen der Frauen.

Sollten auch Frauen mit in den Listenbach marschieren dürfen, um dort in geselliger Runde „einen zu heben“? Seit Jahrzehnten wird diese Frage rund um das Pfingstwochenende in Frankenberg erörtert. Hendrik Klinge hat am Dienstagabend - beim Frühschoppen zum Ausklang des größten Volksfestes in der Region floss das Bier noch in Strömen - die Diskussion erneut entfacht. Mit markigen Worten wirft der Vorsitzende der Jungsozialisten in einer Pressemitteilung dem Frankenberger Bürgermeister Sexismus vor. Die Jusos seien schockiert darüber, dass „Rüdiger Heß in seiner Einladung zum Pfingstumzug besonders darauf hingewiesen hat, dass Frauen bei dem traditionellen Zug am Pfingstfreitag in den Listenbach nicht erwünscht seien.

„Wenig zeitgemäß, Frauen auszuschließen“

„Die Frankenberger Bürgerinnen wegen ihres Geschlechts von einer offiziellen Veranstaltung auszuladen, ist ganz klarer Sexismus und dieser hat in unserer Zeit nichts mehr verloren.“ Sein Stellvertreter Luca Pawlik erklärt: „In was für einer Gesellschaft leben wir, in der es nur aufgrund äußerer Merkmale nicht gestattet ist, an solchen Events teilzunehmen?“ Sie seien der Meinung, derartige Diskriminierung könne nicht durch den Hinweis auf Traditionen gerechtfertigt werden. Bei allem Respekt vor Traditionen, die es auch in unseren Augen zu bewahren gilt, erscheint es uns im 21. Jahrhundert wenig zeitgemäß, Frauen von der Teilnahme auszuschließen.“ Seit 1922 seien immer wieder Frauen im Listenbach dabei gewesen, behauptet die stellvertretende Vorsitzende Jessica Heß. „Wollen wir in Verhaltensweisen von vor mehr als 91 Jahren verfallen? Jetzt ist es Zeit, ganz offiziell allen zu gestatten, am Marsch teilzunehmen.“

In dem Schreiben erklärt der SPD-Nachwuchs: „Wir hoffen, dass die Einladung in dieser Form von Herr Heß lediglich ein Versehen war.“ Diese Einladung passe überhaupt nicht in ihr Bild des Bürgermeisters, den sie als einen fortschrittlichen und sympathischen Politiker und Gesprächspartner kennengelernt hätten, sagt Klinge.

Im sozialen Netzwerk „Facebook“ wird die Diskussion seit Dienstagabend emotional weitergeführt. Dabei sind die direkt „Betroffenen“ um Sachlichkeit bemüht. Christine Möller von Bündnis 90/Die Grünen zählt zu den Politikerinnen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Frankenberger Stadtverordnetenversammlung eine Einladung samt Ausladung vom Marsch in den Listenbach erhalten hat. Auf einen Fürsprecher wie Hendrik Klinge kann sie jedoch verzichten: „Ich persönlich habe kein Problem damit, den Männern ihre Spielwiese zu lassen“, sagt sie auf Anfrage der FZ. „Es reizt mich nicht, mich morgens schon abzuschießen.“ Die Art und Weise des Umgangs mit dieser Traditionsveranstaltung für Männer ärgert sie aber sehr wohl. „Ich möchte nicht jedes Jahr eine Einladung zum Listenbach bekommen, die mich dann explizit wieder auslädt.“

Diese Auffassung teilt auch Daniela Neuschäfer, wie Möller ebenfalls Frankenberger Stadtverordnete. „Grundsätzlich fühle ich mich nicht ausgegrenzt“, sagt die SPD-Politikern, die in den Hessischen Landtag einziehen will. Wert legt sie bei der neuerlich entfachten Diskussion jedoch darauf, dass die SPD die Erklärung der Jusos nicht zu verantworten habe. „Sie sind frei in ihrer Entscheidung. Die Erklärung kommentiere ich deshalb auch nicht weiter“, sagt sie gegenüber der Heimatzeitung und reagiert damit auch auf im Internet kursierende Vorwürfe. Bei Facebook wurde ihr von anderen Nachwuchspolitikern unterstellt, die Diskussion sei von ihr initiiert worden, weil sie enttäuscht darüber sei, dass sie im „Listenbach keinen Wahlkampf machen konnte“.

„Einladung nächstes Jahr umformulieren“

Ohnehin glaube sie nicht, dass „es viele Frauen gibt, die überhaupt mit in den Listenbach wollen“. Aus der erneuten Diskussion sollten jedoch Lehren gezogen werden, sagt Neuschäfer, die am vergangenen Freitag gemeinsam mit der Kreistagsvorsitzenden Iris Ruhwedel (SPD) und der CDU-Landtagsabgeordneten Claudia Ravensburg in der zweiten Reihe der Ehrengäste mitmarschiert ist: vom Burgberg bis zur Ederberglandhalle, wo sich traditionell die Schüler verabschieden und aus dem Maizug der Männer-Marsch in den Listenbach wird. „Mein Vorschlag: Damit niemand verärgert wird, sollte die Einladung im nächsten Jahr einfach umformuliert werden.“ Die Stadt sollte zum Pfingstmarkt und zum Maizug einladen. „Und wenn wir nicht zum Listenbach-Zug eingeladen werden, muss man uns auch nicht ausladen.“

Bürgermeister Rüdiger Heß verbat sich im Gespräch mit der FZ den Sexismus-Vorwurf. „Es geht hier nicht um Sexismus, sondern um Traditionen, die wir seit langer Zeit in Frankenberg haben.“ Wenn sich daran jedoch etwas ändern sollte, „dann möge man das ändern“. Die Frage, ob Frauen im Listenbach erwünscht seien oder nicht, sei für ihn jedoch kein politisches Thema. „Aber die SPD kann die Diskussion gerne führen.“ Als bedauerlich bewertet er den Zeitpunkt der Debatte. „Es wird immer nur fünf Tage um Pfingsten herum diskutiert. Und dann ist wieder 360 Tage lang Ruhe.“

Auch im vergangenen Jahr war das Thema „hochgekocht“. Bei seiner Begrüßungsansprache im Listenbach erklärte Heß Pfingsten 2012, dass er jüngst einen Brief von einer Dame bekommen habe, die ihn dazu aufgefordert habe, „diese Tradition mal zu überdenken. Ich habe ihr gesagt: Wir sind Demokraten. Alternativen gibt es immer.“

Er persönlich habe aber kein Interesse daran, mit Traditionen dieser Art zu brechen, sagt er auf FZ-Anfrage. Weil er als Mann bei der Altweiberfastnacht unerwünscht sei, habe er sich schließlich auch noch nie ausgegrenzt gefühlt und von sexistischen Veranstaltungen gesprochen. Zudem wisse er auch von vielen Frauen, „die sagen: Wir gönnen euch Männern das da draußen im Wald.“ Vor Jahren seien auch Irmtraud Liebelt und Elke Drothler (beide CDU) mal mit im Listenbach gewesen. „Aber auch nur einmal.“ Wert legt er auf die Feststellung, dass die Einladung 2013 der Formulierung der vergangenen Jahre entsprochen habe.

„Gönnen wir den Männern doch den Spaß am Listenbach“, sagt Claudia Ravensburg. „Mit Sexismus hat das jedenfalls nichts zu tun. Den Jusos empfehle ich einfach ein wenig mehr Humor bei der Sache.“ Wie jedes Jahr sei sie vom Ordnungsamt zum Festzug eingeladen und „beim Marsch zum Listenbach nicht von Bürgermeister Rüdiger Heß ausgeladen worden, um das zunächst klarzustellen“. Seit vielen Jahren sei es in Frankenberg Tradition, dass beim Umtrunk am Listenbach nur Männer teilnehmen. „Dies wurde bisher auch von keiner Partei in Frage gestellt.“

Vorschlag: Picknick im Landratsamtsgarten

Dieses Jahr habe sie bis zur Ederberglandhalle am Festzug teilgenommen; genauso wie die Schulklassen, sagt die Landtagsabgeordnete. „Anschließend habe ich meinen weiblichen Mitmarschiererinnen vorgeschlagen, dass wir Frauen im kommenden Jahr nach dem Festzug gemeinsam ein Glas Sekt oder Saft trinken gehen sollten. Auch so kann man mit dem Thema umgehen.“

Dieser Ansatz wird von den Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung bereits verfolgt. Während ihre männlichen Kollegen in den Listenbach marschieren, treffen sich etliche Frauen zum gemeinsamen Frühstück. Mit einem solchen Vorschlag zieht auch Christine Möller selbstbewusst einen Schlussstrich unter die Posse: „Statt den Listenbach zu erobern, sollten wir Frauen lieber eine eigene Tradition beginnen, mit einem Picknick im Landratsamtsgarten oder einem Brunch in der Rathausschirn.“

Von Rouven Raatz

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