HNA-Interview

Ukrainer zur Erholung im Frankenberger Land: "Wir haben alle große Angst"

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Kalinka: Der Chor aus der Ukraine hatte auch dieses russische Volkslied im Repertoire. Daria Wakula sang und tanzte.

Frankenberg/Allendorf-Eder. Der ukrainische Jugendchor Kalinonka ist auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Allendorf-Eder für eine Woche zu Gast im Frankenberger Land. Wir sprachen mit Taissija Resnik, der Dirigentin des Chors, über die Sorgen und Nöte der Menschen in der Ukraine.

Frau Resnik, inwieweit sind Sie im täglichen Leben von dem Krieg in Ihrem Land betroffen? 

Taissija Resnik: Von diesem Krieg sind wir alle sehr schwer betroffen. Der Vater eines der Mädchen, das im Chor mitsingt, ist schon seit drei Monaten im Krieg. Überhaupt müssen sehr viele junge Männer zur Armee gehen, das macht uns allen sehr viel Angst. Viele Menschen fliehen aus den unmittelbaren Kriegsgebieten im Osten und suchen bei uns Zuflucht. Sie haben nichts. Nichts zu essen und nichts zu trinken. Wir helfen ihnen, wo wir können. Außerdem sammeln wir Geld und Lebensmittel für die Armee. Früher gab es in der Ukraine keine Armee, wir hatten keine Feinde.

Haben Sie Angst vor der Zukunft? 

Resnik: Wir wohnen rund 40 Kilometer von unserer Hauptstadt Kiew entfernt. Bei uns ist es derzeit relativ ruhig. Aber wir wissen nicht, wie es weitergeht und was noch passieren wird. Wir glauben, dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin große Pläne hat. Deshalb haben wir alle große Angst.

Gab es für Sie Probleme, in der gegenwärtigen Situation nach Deutschland ausreisen zu können? 

Resnik: Nein, Probleme gab es nicht. Wir brauchten nur mehr Dokumente als früher. Dadurch dauerten die Reisevorbereitungen eine Woche länger als sonst üblich.

Sie leben nur wenige Kilometer von Tschernobyl entfernt. Am 26. April 1986 gab es dort den Raktor-Unfall. Spüren Sie heute noch Auswirkungen davon? 

Resnik: Ja, wir spüren heute noch die Nachwirkungen. Viele Menschen haben Krebs, wir haben bei uns vor allem viele kranke Kinder. Vor drei Jahren ist an unserer Schule ein junges Mädchen an Krebs erkrankt. Der Deutsch-Ukrainische Freundeskreis hat für sie Geld gesammelt und dafür gesorgt, dass sie in Frankfurt am Main behandelt werden konnte. Jetzt geht sie wieder zur Schule, ist wieder ganz gesund und singt auch in dem Chor mit, der jetzt im Frankenberger Land unterwegs ist. Für diese Hilfe vielen Dank.

Wo sind Sie in Allendorf untergebracht und wie sind Sie hier empfangen worden? 

Resnik: Wir wohnen in Gastfamilien und sind hier wunderbar aufgenommen worden. Unsere Kinder und Jugendlichen sind sehr glücklich, den Aufenthalt hier erleben zu dürfen. Alle sind sehr froh und sehr lustig, trotz der langen Reisestrapazen mit der langen Anreise. Und alle freuen sich auf das Urlaubsprogramm und auch auf die Auftritte. Sie wollen in Deutschland gerne zeigen, was sie können. Die jungen Mitglieder unseres Chors freuen sich aber auch auf die Treffen mit den deutschen Jugendlichen. Die Jugendlichen beider Länder müssen sich kennenlernen. Das ist ganz wichtig. (mjx)

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Quelle: HNA

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