Frankenberg

Auf das „Undenkbare“ vorbereitet sein

- Frankenberg (apa). Michael Fröchtenicht aus Frankenberg hat an einer internationalen Großübung in England teilgenommen. Hunderte Helfer aus aller Welt, eingestürzte Gebäude, Schuttberge und ein von einer Mauer baumelnder Wohnwagen – das Szenario in Hertfortshire war sehr realistisch, auch wenn es sich nur um eine Übung handelte.

Südengland gleicht nach einem Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala einem Schutthaufen. Rund 3000 Menschen sind gestorben, Tausende weitere verletzt und obdachlos – so sieht das Szenario der internationalen Großübung aus, an der Michael Fröchtenicht (kleines Foto) vom Technischen Hilfswerk teilgenommen hat. Die Bergungseinheit SEEBA des THW ist normalerweise sechs Stunden nach der Alarmierung bereit zum Abflug ins Krisengebiet. Im Fall der Übung reiste die 70-köpfige Gruppe des THW allerdings mit der Fähre und den eigenen Fahrzeugen nach Südengland – und brauchte zwei Tage, um den Einsatzort zu erreichen. Direkt nach der Ankunft startete das Team mit dem Aufbau des Camps, meldete sich bei der Koordinationsstelle und verschaffte sich einen Überblick von der Situation vor Ort. Die Einsatzleitung hatte ein schwedisches Team. Weitere Helfer aus Norwegen, Dänemark, Italien, Spanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten waren vor Ort, um die englischen Hilfskräfte zu unterstützen. Dabei war das THW die einzige anwesende Institution, die fast ausschließlich auf ehrenamtlichen Helfern basiert. Das THW war zudem die einzige Organisation außer den englischen Rettungskräften, die mit einem sogenannten Heavy Team vor Ort war: Darin arbeiten zwei Bergungsgruppen mit je zwei Trupps à sechs Leuten, vier weiteren im Ordnungstrupp, einem Sanitäter und einem sogenannten SSO (Safety Security Officer), der für die Sicherheit im Einsatz verantwortlich ist. Das Besondere an den Heavy Teams: Sie sind rund um die Uhr im Einsatz. „Deshalb gibt es insgesamt vier Trupps, damit immer einige von uns Pause machen können“, erklärt Michael Fröchtenicht. Die Trupps arbeiten und pausieren im Zwölf-Stunden-Takt – sind die Helfer im Einsatz übermüdet, kann es für sie lebensgefährlich werden. Der 29-jährige Frankenberger, der seit fast 20 Jahren im THW ist, war in England als Truppführer eingesetzt. Das war zwar zunächst nicht geplant, passte aber in die Übung – denn auch im Notfall können spontane Umbesetzungen notwendig werden. Seit einem halben Jahr wusste Fröchtenicht von der bevorstehenden Großübung. Details waren ihm jedoch nicht bekannt: Nur der Zeitpunkt war vorher angegeben worden. „Exercising the unthinkable“ (das Undenkbare üben) lautete das Motto des Mammut-Projekts. „Das passte ganz gut“, sagt der Frankenberger rück­blickend. „Das waren Extremsituationen.“ Die Engländer hatten ein beeindruckendes und realistisches Szenario vorbereitet. Für die Großübung war ein altes Fort komplett umgestaltet worden. Berge von Schutt und Dreck, Mauerreste, Geröll und Unrat türmten sich auf. Die Helfer der SEEBA mussten sich durch schmale Tunnel und enge Durchgänge einen Weg zu den „Verletzten“ bahnen – und zwar in kompletter Ausrüstung, mit Helm, kleiner Kettensäge und Rettungsschere oder Spreizer, mit Spaten und Sicherheitsausrüstung. „Umdrehen ist da unmöglich“, sagt Fröchtenicht. Während sie teilweise Stunden brauchten, um die „Opfer“ durch schmale Gänge zu erreichen, konnten diese in aller Ruhe Minuten vorher durch parallel verlaufende Gänge oder Klappen an dieselben Stellen gelangen. Das Parallelsystem diente außerdem zur Beobachtung der Einsätze und zur Sicherheit bei der Übung. Auch bei der Ausstattung der Verletzten hatten sich die Engländer um ein realistisches Bild bemüht, erzählt Michael Fröchtenicht: „Das waren teilweise Schauspieler mit echten Amputationen, die dann so geschminkt waren, als sei das Bein gerade erst abgetrennt worden“. Rund 1,3 Millionen Euro kostete die gesamte Übung, den Großteil davon zahlt die EU. Die internationale Zusammenarbeit fand vor allem in der Führungsstelle statt. Aber auch die Helfer hatten hin und wieder direkt mit ihren Kollegen aus dem Ausland zu tun: So stellte die SEEBA unter anderem ein Hunde-Tragegestell für ein norwegisches Suchteam zur Verfügung, ein anderes Mal unterstützten englische Feuerwehrleute Fröchtenichts Trupp beim Materialtransport. Bei dieser Zusammenarbeit helfen – neben der englischen Sprache – vor allem die internationalen Richtlinien und Standards. So haben alle Teams einer Größe die gleiche Ausstattung und Struktur. Westen und Aufnäher helfen, die Funktion jedes Helfers zu erkennen. So weiß jeder, welche Aufgaben sein Gegenüber übernehmen kann. Von Dienstag bis Donnerstag dauerte die Großübung für das THW. „Wir waren die Letzten, die die Einsatzstelle verlassen haben“, berichtet Fröchtenicht. Für ihn war die Erfahrung sehr wertvoll. Allein der Aufbau des Camps sei ihm bisher nur teilweise in der Praxis bekannt gewesen; für normale Übungen ist das zu aufwendig. „Ich weiß jetzt, wie alles im Ernstfall funktioniert. Das ist schon etwas anderes als die Theorie.“

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