Frankenberg

Unfallverursacher freigesprochen

- Frankenberg. Vor dem Frankenberger Amtsgericht wurde über einen schweren Verkehrsunfall aus dem Jahr 2009 verhandelt. Dabei kamen zwei junge Männer ums Leben und ein Ehepaar wurde schwer verletzt.

Ein 19-jähriger Mann aus Bad Wildungen wurde am Donnerstag vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung freigesprochen. Vor dem Amtsgericht wurde ein Verkehrsunfall verhandelt, der sich im September 2009 auf der Bundesstraße 253 bei Löhlbach ereignet hatte. Dabei kamen die beiden Mitfahrer des Angeklagten ums Leben und ein Ehepaar aus Hatzfeld wurde schwer verletzt.

Der 19-Jährige Schüler war am Abend gegen 21.15 Uhr mit zwei Freunden in einem Auto Richtung Bad Wildungen unterwegs. Auf vermutlich feuchter Fahrbahn kam sein Wagen in einer langgezogenen Rechtskurve ins Schleudern und geriet auf die Gegenfahrbahn. Das entgegenkommende Fahrzeug des Hatzfelder Ehepaares konnte nicht mehr ausweichen und es kam zum Zusammenstoß. Das Auto der Hatzfelder prallte frontal in die rechte Seite des schlingernden Wagens.

Die beiden Freunde des 19-jährigen Fahrers wurden durch den Aufprall schwer verletzt und verstarben noch an der Unfallstelle. Auch der 19-Jährige und das Ehepaar im anderen Wagen erlitten schwere Verletzungen. Die Hatzfelder leiden bis heute unter den Folgen. Der 59-jährige Mann trug Rippenbrüche und Prellungen davon, seine 49-jährige Frau ebenfalls Rippenbrüche sowie eine Fraktur des Brustbeins und innere Verletzungen. Ihre Lunge wurde gequetscht und es kam zu einer Infektion des Rippenfells. Später wurde noch ein Riss des Zwerchfells festgestellt, welcher operiert werden musste.

Beide klagen bis heute über Schmerzen. Die Frau leidet unter Atemnot und ist nach wie vor krankgeschrieben. Auch der Unfallverursacher zog sich einen Beckenbruch sowie Verletzungen der Lunge zu.

Das Gericht versuchte zu klären, ob der Angeklagte durch unangepasste Geschwindigkeit den Unfall verursacht hatte. Er selbst gab an, keine Erinnerungen an den Unfallhergang zu haben. Er hatte vor der Unfallfahrt weder Alkohol getrunken noch Drogen konsumiert. Der Wagen gehörte seinen Eltern, er fuhr ihn aber regelmäßig, seit er 2008 den Führerschein erworben hatte. Auch auf der Bundesstraße war er häufiger unterwegs.

Der Fahrer des entgegenkommenden Fahrzeugs sagte, die Straße sei durch Nieselregen feucht gewesen, aber die Sicht nicht beeinträchtigt. ,,Ich habe zwei Lichter auf uns zukommen sehen. Meine Frau hat noch gesagt: Was macht der denn da? Da war es schon passiert“, schilderte er seine Erinnerungen. ,,Es ging alles so schnell, dass ich nicht reagieren konnte.“ Auch seine Ehefrau hat kaum noch Erinnerungen an den Zusammenstoß. Ein Zeuge, der vor dem Ehepaar mit seiner Familie fuhr, berichtete, dass auch sein Wagen beinahe mit dem bereits ins Schlingern geratenen Fahrzeug des 19-Jährigen kollidiert wäre. ,,Ein paar Sekunden später hat es laut hinter uns geknallt.“ Er rief die Polizei und kehrte zur Unfallstelle zurück, wo er sich bis zum Eintreffen der Rettungskräfte um die Verletzten kümmerte. Sowohl er als auch die beiden vor Gericht geladenen Polizisten, die damals zur Unfallstelle gefahren waren, bestätigten, dass die Fahrbahn feucht gewesen sei. Die Polizisten gaben weiterhin an, dass zur Zeit des Unfalls noch keine Geschwindigkeitsbegrenzung an dieser Stelle bestand – inzwischen gilt dort Tempo 70.

Der letzte Zeuge, der in der Sache vor Gericht gehört wurde, war ein Kfz-Sachverständiger aus Frankenberg, der als Gutachter die Unfallstelle untersucht hat. Er versuchte den Unfallhergang zu rekonstruieren. Da es bei seinem Eintreffen bereits stark zu regnen begonnen hatte, war es für ihn schwierig, Reifenspuren zu erkennen. Beide Fahrzeuge seien technisch einwandfrei gewesen und alle Insassen angeschnallt, erklärte der Gutachter. ,,Ich vermute eine instabile Fahrzeugbewegung des Unfallverursachers“. Sein Wagen sei vermutlich in der Kurve mit dem Heck nach außen gedriftet, worauf der Fahrer aus einem Impuls heraus eine Gegenlenkbewegung unternahm. So würden sich auch erfahrenere Fahrer in so einer Situation verhalten, unterstrich der Sachverständige. Das impulsive Lenken brachte das Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn. Wie es zu dieser instabilen Fahrzeugbewegung gekommen sei, könne er nicht definitiv klären. Ob zu hohe Geschwindigkeit oder Schlüpfrigkeit der Fahrbahn der Auslöser gewesen seien, sei spekulativ.

,,Ich habe keine Anhaltspunkte für eine Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit“, sagte er. Allerdings kritisierte er die Fahrbahnanordnung. Bei Regen bildeten sich in der ansteigenden Kurve auf der leicht schrägen Fahrbahn Rinnsale.

Nach Anhörung der Zeugen sah die Staatsanwältin den Vorwurf der Fahrlässigkeit nicht bestätigt: ,,Fahrlässigkeit bedeutet, dass man das Maß der erforderlichen Sorgfalt außer Acht lässt.“ Das könne dem Angeklagten nicht vorgeworfen werden. Er kannte die Strecke und sein Fahrzeug. Der Sachverständige habe keine Anhaltspunkte auf überhöhte Geschwindigkeit festgestellt, aber auf die Schlüpfrigkeit der Fahrbahn hingewiesen. Die Staatsanwältin beantragte Freispruch.

In seinem Schlusswort erklärte der Angeklagte noch einmal, wie leid ihm die ganze Sache tue. Schon kurz nach dem Unfall hatte er sich bei dem Hatzfelder Ehepaar gemeldet und auch im Gerichtssaal bat er beide nochmals um Verzeihung. „Meine toten Freunde kann mir niemand zurückgeben. Ich kann mir vorstellen, wie es ihren Eltern geht. Ich werde jeden Tag mit dieser Sache konfrontiert und kann nur sagen, dass es mir leid tut“, sagte er.

Richterin Andrea Hülshorst folgte dem Antrag der Staatsanwältin. Fahrlässigkeit könne dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden. ,,Es waren ein folgenschwerer Zwischenfall und eine Verkettung unglücklicher Umstände.“ Die impulsive Lenkbewegung, die den Wagen des 19-Jährigen auf die Gegenfahrbahn führte, könne jedem passieren.

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