14 Jahre alte Post für Michél Carle

Urlaubsgruß aus der Vergangenheit

Frankenberg-Schreufa - Urlaubszeit ist Postkartenzeit - doch nicht jeder erhält eine Karte, die ihn schlagartig an seine Jugend erinnert. Michél Carle hat einen Urlaubsgruß bekommen, der 14 Jahre lang unterwegs war.

Es ist warm. Die Sonne scheint auf einen Hotelpool in Fuerteventura. Aus dem Radio am kleinen Kiosk plärrt der aktuelle Sommerhit des Jahres: „A little bit of Monica in my life. A little bit of Erica by my side“ - Lou Bega singt seinen Mambo No 5. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein, als die junge Johanna ihrem Schulfreund Michél aus Schreufa einen Urlaubsgruß von der Kanaren-Insel schrieb. Bedankt hat er sich damals, im Jahr 1999, nicht für die Karte. Wie auch: Sie kam erst in der vergangenen Woche an.

„Wer kriegt denn heute noch Postkarten?“, fragt der 28-Jährige aus Schreufa rhetorisch. „Heute macht man doch ein Handyfoto und stellt das dann bei Facebook rein“, sagt er. Deshalb habe er sich schon gefreut, als am vergangenen Dienstag plötzlich eine Postkarte eintrudelte. Carle wohnt im Haus seiner Eltern in Schreufa, hat dort eine eigene Wohnung. „Die Karte hatte mein Vater zwischen meine andere Post gelegt“, erinnert sich der junge Mann. Er las die fünf Sätze, den Gruß von einer Johanna - und stockte: „Ich kenne gar keine Johanna“, dachte er. Und fragte seine Eltern, wo sie diese Karte her hätten. Der Vater reagierte verdutzt: Aus dem Briefkasten natürlich.

Carle schaute sich den Urlaubsgruß genauer an. Eine kindliche Schrift, türkisgrüne Tinte. Und das Foto: ganz ausgeblichen. „Die Karte hat ja auch schon einige Macken“, sagt der Schreufaer. Er dachte nach - wer könnte Johanna sein?

Eine Johanna kennt er nur aus der Schulzeit

An eine Johanna erinnert er sich: Sie besuchten zusammen die Schule. Kontakt haben sie eigentlich nicht mehr. Sie lebt in Mainz. Aber ihr derzeitiger Freund stammt ebenfalls aus Schreufa. Carle schreib ihm über das soziale Netzwerk Facebook eine Nachricht. Der antwortet: Seine Freundin sei mit einem Aida-Kreuzfahrtschiff unterwegs gewesen. Gut möglich, dass sie ihrem alten Schulkameraden eine Postkarte geschickt hat.

Für Carle ist die Sache erledigt - bis sich kurz darauf jene Johanna bei ihm meldet: „Sie sagte, es sei ja nett, dass ich denke, sie würde mir schreiben - aber das hat sie nicht“, gibt Carle die Nachricht der jungen Frau wieder. Die sei überhaupt nur einmal auf Fuerteventura gewesen: in den Sommerferien 1999. Ungläubig macht der Mann aus Schreufa ein Foto von der Rückseite und schickt es der alten Schulkameradin. Kann es wirklich ihre Karte sein, nach 14 Jahren? Ja, bestätigt Johanna - „es ist ihre Jugendschrift“, sagt Carle und lacht.

Der Urlaubsgruß wurde vor der Jahrtausendwende geschrieben und abgeschickt, vor dem 11. September, vor den Kriegen im Irak und Afghanistan, vor dem Amtsantritt von Angela Merkel. Kinder, die damals geboren wurden, sind heute so alt wie die Verfasserin des Grußes im Jahr 1999 - und schreiben möglicherweise gerade eine Postkarte an ihre Schulfreunde.

Post kommt auch mit ungültiger Marke an

Karten aus Spanien brauchen oftmals länger nach Deutschland, als der Urlaub der Verfasser dauert. Aber nicht so lange, sagt Alexander Böhm, der für den Postleitzahlenbereich 35 zuständige Pressesprecher der Deutschen Post. Er selbst ist verdutzt über die lange Zeit, die die Postkarte unterwegs war. „So etwas kommt immer mal wieder vor, aber sehr unregelmäßig“, sagt er. Wo genau die Karte ein paar Jahre lang lagerte, sei nur noch schwer nachzuvollziehen. Es mag in Spanien oder auch in Deutschland gewesen sein. „Wenn die Post im Aufgabe-Land akzeptiert wird, kontrollieren wir das nicht mehr“, sagt Böhm. Will heißen: Selbst wenn eine Postkarte mit in Pesetas bezahlter Briefmarke ankommt, wird sie zugestellt. Das Problem: Michél Carles Postkarte hat eine Briefmarke, auf der nur steht, dass das Porto bezahlt ist - nicht aber wie viel oder in welcher Währung. 1999 jedenfalls wurde in Spanien noch mit Pesetas gezahlt.

Böhm erklärt, wie der umgekehrte Fall in Deutschland behandelt würde: Eine in Deutscher Mark frankierte Postkarte würde maschinell aussortiert werden. „Streng genommen müssten wir die dann an den Absender zurückschicken“, sagt der Pressesprecher - auch wenn das bei Karten schwer bis unmöglich sei. Es gäbe aber einen gewissen Ermessensspielraum: Eine DM-Marke auf einer sichtbar modernen Karte ist ein Betrugsversuch oder ein Versehen. Eine DM-Marke auf einem vergilbten Bildchen ist möglicherweise echt. Dann entscheide ein Mitarbeiter.

„Wir würden das dann aber nicht sang- und klanglos zustellen“, sagt Böhm. Würden alte Briefe oder Karten entdeckt, etwa bei Umbauten im internationalen Postzentrum in Frankfurt, würde das Unternehmen ein Begleitschreiben verfassen, sich entschuldigen. „Deshalb ist es schon seltsam, dass die Karte erst jetzt und unkommentiert ankommt“, wundert sich Alexander Böhm.

Verbleib der Karte interessiert Bekannte

Das dachte auch Michél Carle - und vergewisserte sich bei seinen Eltern: Könnte es nicht doch sein, dass die Karte beim Sortieren des Sperrmülls aufgetaucht ist, den die Familie vor wenigen Tagen holen ließ? Nein, beteuerte sein Vater: Die Karte war in der Post. „Es wäre wirklich interessant zu erfahren, wo die Karte so lange war“, sagt der junge Mann über den ganz gewöhnlichen Urlaubsgruß mit der ungewöhnlichen Geschichte. „Die Geschichte interessiert alle, denen ich sie erzähle. Alle wollen wissen, wie so etwas sein kann“, sagt er.

Doch auch wenn der inzwischen ein wenig angegilbte Urlaubsgruß etwas ganz Besonderes ist: „Einen Ehrenplatz bekommt die Karte nicht“, sagt Carle - und fügt an: „Wenn ich Post von einer fremden Frau aufhänge, kriege ich Ärger mit meiner Freundin.“ Daher sei es auch sicher, dass sich aus dieser Geschichte keine Liebesgeschichte entwickelt: „Wir sind schließlich in Schreufa, nicht in Hollywood!“

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