Horst Wassermann fragte französischen Zeitzeugen nach Erlebnissen in Frankenau

Verbrüderung streng verboten

Im geborgten Anzug: Obwohl Kriegsgefangene nicht fotografiert werden durften, fertigte Liesel Scheerer (später Exner) dieses Erinnerungsbild von Gaston Néel mit Marie Röhling (verh. Schäfer) und Elisabeth Röhling (verh. Drebes) an. Foto: Völker

Frankenau. Wie sah das Leben eines französischen Kriegsgefangenen im nordhessischen Frankenau aus? Horst Wassermann hat mit Gaston Néel in der Normandie später viele Gespräche geführt und seine Erlebnisse aufgeschrieben.

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Gaston gehörte zur Familie

Der damals 26-Jährige wurde der Familie von Landwirt Moritz Röhling zugewiesen, weil dessen Sohn Johannes in Russland im Kriegseinsatz war. Gaston musste Rinder- und Pferdeställe ausmisten, Schafe füttern und Holz im Wald holen. Er wollte sogar den schiefen Hof begradigen.

Es war bei Strafe verboten, mit ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern an einem Tisch zu sitzen. „Wer bä ins arbit, da därf ö mit mär ässen“, versicherte „Chef“ Moritz Röhling in breitem Frankenauer Platt und behandelte Gaston wie ein Familienmitglied. Der Kriegsgefangene durfte seine französischen Kameraden mit zusätzlichen Fleischrationen versorgen und im Schafstall eigene Hasen halten.

Er kannte sich aus in Stall und Scheune. Eines Tages fehlte ein Schaf. Schwarz geschlachtet werden durfte ja nicht. Gaston fragte Chef Moritz: „Wo ist das Schaf?“ Der Chef antwortete: „Schaf ist verreist!“ Der Franzose erwiderte: „Schaf wird frieren, es hat seinen Mantel vergessen!“ Das Fell hing nämlich oben in der Scheune zum Trocknen.

Zur Hochzeit von Johannes Röhling mit Elisabeth Schäfer am 30. Januar 1943 durfte der Kriegsgefangene mit Genehmigung des Lagerkommandanten eingeladen werden. Gaston bekam von Johannes einen Anzug verpasst, dessen Ärmel und Hosenbeine zu kurz waren. Stolz ließ er sich darin, obwohl auch das für Kriegsgefangene streng verboten war, von Liesel Scheerer (später Exner) fotografieren. Das Bild schickte er seiner Braut in die Normandie, zu der er erst im März 1945 nach der Befreiung von Hitler-Deutschland zurückkehren durfte.

Kind auf dem Arm

Obwohl die NSDAP jede Fraternisierung mit den ausländischen Gefangenen streng untersagt hatte, konnte Gaston, als 1944 Töchterchen Irmela Röhling geboren wurde, das Kind auf dem Arm halten. Andere Gefangene durften auf keinen Fall deutsche Kleinkinder anfassen. „Gaston hat gerade diese menschliche Nähe nie vergessen und erzählt davon oft“, berichtet Irmela Wassermann heute. (zve)

Quelle: HNA

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