Viessmann will Kältetechnik AG zu Kompetenzzentrum ausbauen

Vereinigung nach 20-jähriger Trennung

Viessmann hat 100 Prozent der Aktien der Viessmann-Kältetechnik AG gekauft. Foto: pr

Allendorf (Eder) - Aus den „Blauen“, wie sich die Mitarbeiter der Viessmann-Kältetechnik bezeichnen, und den „Roten“, so nennen die Oberfranken das Allendorfer Heiztechnikunternehmen, werden wieder Kollegen. Auf Schloss Hofeck ist gestern der Kaufvertrag unterzeichnet worden.

Die Viessmann-Kältetechnik AG mit mehr als 400 Mitarbeitern gilt als europaweit bedeutendster Hersteller temperaturkontrollierter Räume für Gewerbe und Industrie. Am Stammsitz in Hof an der Saale werden Kühlzellen, Kühlaggregate, Klima- und Lüftungsgeräte und -anlagen sowie kältetechnische Anlagen entwickelt und hergestellt. Zwei weitere Niederlassungen in Enger und Ulm-Ermingen sowie drei eigenständige Gesellschaften in Großbritannien, Frankreich und Vereinigte Arabische Emirate werden betrieben. Zuletzt hatten die „Blauen“ aber vermehrt mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Die Produktionsstätte gilt als veraltet, die Mitarbeiter verzichten seit Jahren auf Lohn.

Aktien bei der Stiftung

Eigentümerin des Unternehmens war in den vergangenen Jahren die Hans-Viessmann-Technologie-Stiftung, die 100 Prozent der Aktien hielt. Bis Anfang der 1990er Jahre gehörten die Kältetechnik und Heiztechnik noch zu einer Unternehmensgruppe. Ein Jahr nach dem Ausstieg aus dem operativen Geschäft trennte Dr. Hans Viessmann aber die beiden Sparten. Er zeichnete weiter für die Kältetechnik in Oberfranken verantwortlich, sein Sohn Dr. Martin Viessmann für die Heiztechnik. Kontakte zwischen den Unternehmen bestanden nicht.

Erfahrung in Kältetechnik

Auf dem Feld der Kältetechnik kennen sich die Allendorfer dennoch aus. In der Schweiz wurde die KWT Kälte Wärmetechnik AG übernommen. Und erst in der vergangenen Woche vermeldete Viessmann den Einstieg bei der Firma „isocal HeizKühlsysteme“ . Eine mögliche Zusammenarbeit mit der Kältechnik AG in Hof gestaltete sich allerdings zunächst schwierig (siehe weiteren Text auf dieser Seite).

Nachdem der Vorstand der Stiftung dem Kaufangebot zugestimmt hatte, wurde im Anschluss der Kaufvertrag auf Schloss Hofeck unterschrieben, teilte der Allendorfer Heiztechnikhersteller gestern mit. Anfang der Woche hatte der Sprecher das Stiftung, Werner Mergner, gegenüber der Frankenpost von einer bevorstehenden Einigung gesprochen. Beide Vertragsparteien hätten sich zufrieden mit den Ergebnissen der intensiven Verhandlungen gezeigt, die konstruktiv und vertrauensvoll geführt worden seien, erklärte Viessmann gestern.

Der Kaufvertrag umfasse eine Reihe „wichtiger Vereinbarungen zur Sicherung und zum weiteren Ausbau der Viessmann-Kältetechnik AG“. Mit einem zugesicherten Investitionsvolumen in Millionenhöhe will Viessmann den Standort Hof zum Kältekompetenzzentrum der Unternehmensgruppe ausbauen. Darüber hinaus schließt das Allendorfer Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen bei der Kältetechnik AG für einen Zeitraum von 18 Monaten aus. Die Mitarbeiter, die seit zehn Jahren auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet haben, sollen in diesem Jahr eine Sonderzahlung in Höhe von 25 Prozent eines Monatsgehalts erhalten. Im Laufe des Jahres 2013 seien eine Lohn- und Gehaltserhöhung um fünf Prozent sowie die Zahlung von 50 Prozent Weihnachtsgeld vereinbart.

Mit Zahlung des Kaufpreises, über den Stillschweigen vereinbart wurde, verfüge die Hans-Viessmann-Technologie-Stiftung zukünftig über ein „adäquates Vermögen zur Erfüllung des von Dr. Hans Viessmann vorgesehenen Stiftungszweckes, unabhängig von den wirtschaftlichen Risiken des operativen Geschäftes“.

Die Aufsichtsbehörden müssen dem Vertrag noch zustimmen, teilten die Allendorfer mit, die in den vergangenen Jahren eine Reihe kleiner und mittelständischer Unternehmen gekauft haben, um „die technologische Basis zu verbreitern“.

Hintergrund:

Die Keimzelle der Viessmann-Gruppe liegt in Hof an der Saale, heißt es in der Unternehmenschronik des Allendorfer Heiztechnikherstellers.Johann Viessmann, 1879 in Kulmbach geboren, lebte und arbeitete dort als Schlossermeister. Aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt, machte er sich 1917 mit einer kleinen Schlosserei selbstständig, in der er landwirtschaftliche Maschinen baut. 1928 begann Johann Viessmann mit dem Bau von Heizkesseln.

Nach einem Lizenzvertrag mit einem hessischen Unternehmen verließ Viessmann 1937 Hof und baute in Allendorf ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern auf – dem heutige Stammsitz der weltweit agierenden Viessmann-Gruppe mit 9600 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,86 Milliarden Euro.

Den Grundstein für diese Entwicklung setzte Hans Viessmann, der 1917 in Hof geboren wurde. Der „begnadete Techniker und Ingenieur mit unerschöpflichem Erfindergeist“ führte das Unternehmen bis Ende 1991. Die Sparte Heiztechnik mit damals 6790 Mitarbeitern an 13 europäischen Standorten und einem Umsatz von 828,8 Millionen Euro übertrug er seinem Sohn Martin Viessmann, der 1979 in das Unternehmen eingestiegen war.

Die Sparte Kältetechnik war seit Januar 1993 gesellschaftsrechtlich unabhängig von der Heiztechnik. Hans Viessmann starb 2002 an seinem Geburtsort. Die Anteile der Viessmann-Kältechnik AG wurden seitdem von der Hans-Viessmann-Technologie-Stiftung gehalten.

Hintergrund:

Streit um „Unverkäuflichkeits-Passus“

Während Vorstand, Betriebsrat und Belegschaft der Viessmann-Kältetechnik AG in dem Übernahmeangebot von Dr. Martin Viessmann früh eine große Chance für das Hofer Unternehmen sahen, stellte sich der langjähriger Testamentsvollstrecker von Dr. Hans Viessmann über Monate quer.

Wie soll die Zukunft der Viessmann-Kältetechnik AG gestaltet werden? Mit harten Bandagen ist diese Frage in den vergangenen Monaten in Oberfranken diskutiert worden. Denn es stand viel auf dem Spiel. Das Unternehmen ist finanziell angeschlagen, die Mitarbeiter müssen seit Jahren auf Lohn verzichten, die Produktionsanlagen sind veraltet, millionenschwere Investitionen sind erforderlich. Ohne den Einstieg eines finanzstarken Investors droht der Abbau von Arbeitsplätzen, unter Umständen sogar der Fortbestand des Unternehmens. Doch dann zeichnete sich eine Lösung des Problems ab, vermeldete die Frankenpost im Februar: Die Allendorfer Viessmann-Gruppe legte ein Übernahmeangebot vor, das zwei der Aufsichtsräte der Kältetechnik AG auch prompt als lukrativ bezeichneten. Schon die Anfangsofferte soll die Zusagen enthalten haben, umfangreich in Produktion, Forschung und Entwicklung am Standort Hof zu investieren. Betriebsrat und rund
80 Prozent der Belegschaft sollen in der Hoffnung auf eine Sicherung der Arbeitsplätze spontan Gefallen an dem Modell gefunden haben.Die Hans-Viessmann-Technologie-Stiftung, die sämtliche Anteile an der Aktiengesellschaft hält, war jedoch ganz anderer Meinung. Ohne eingehendere Prüfung habe der Stiftungs-chef das Angebot zurückgewiesen, „weil er eine Übernahme für nicht vereinbar mit dem Testament von Dr. Hans Viessmann und der Stiftungssatzung halte“, hieß es im Frühjahr. Zwei Aufsichtsräte der AG legten daraufhin zum 31. März ihre Ämter nieder. Die Stiftung ging sogar in die Offensive und machte ein Gegenangebot: „Eine Zusammenarbeit unterhalb der Ebene des Aktienverkaufs.“

Laut eines Berichts der Frankenpost hatte die Stiftung in der Vergangenheit immer darauf verwiesen, dass die Satzung der gemeinnützigen Hans-Viessmann-Technologie-Stiftung einen Verkauf der Anteile nicht zulasse. Möglich sei nur eine Zusammenarbeit ohne Verkauf. Der Betriebsrat hätte jedoch immer einen anderen Standpunkt vertreten: Zum einen sei dieser Passus erst nach dem Tod des Stifters in die Satzung aufgenommen worden. Ein Verkauf sei daher rechtlich nicht unmöglich und nicht unvereinbar mit dem Willen von Hans Viessmann. Vor allem aber liege ein Verkauf im Sinne des Hofer Unternehmens und der Sicherheit der Arbeitsplätze.

Verweis auf das Testament

In einem Interview begründete Dr. Martin Viessmann seinen Plan. Die Unternehmensgruppe habe die „strategische Entscheidung getroffen, in den Bereich Kältetechnik zu diversifizieren, weil Lösungen im Kälte-Wärmeverbund immer stärker gefragt sind – etwa bei großen Supermarktketten. Eine Übernahme würde Vorteile für beide Unternehmen bringen.“ Die Allendorfer Viessmann-Gruppe und die Viessmann-Kältetechnik AG würde zudem „mehr als der Name Viessmann“ verbinden, sagte der geschäftsführende Gesellschafter. „Beide Standorte – Allendorf und Hof – fühlen sich dem Erbe meines Vaters verpflichtet. Mein Vater hat in seinem Testament jedoch nicht verfügt, dass die Aktien der Viessmann-Kältetechnik AG unverkäuflich seien, sondern lediglich, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens gewährleistet sein müsse.“

In der Folge der Diskussion um die Übernahme trat im August der Stiftungsvorstand zurück. Dieter Heinze war von Hans Viessmann als Testamentsvollstrecker eingesetzt worden. Anfang September stellte sich der Stiftungsvorstand neu auf beschloss mit Zweidrittel-Mehrheit die Streichung des umstrittenen Unverkäuflichkeits-Passus.

„Die Stiftung habe jetzt alles getan, um die Arbeitsplätze zu sichern“, erklärte Stiftungsvorstand Werner Mergner. „Ich bin ein großer Freund eines gemeinsamen Geschäftsmodells“, verkündete Unternehmensvorstand Armin Luczkowski und reichte Dr. Martin Viessmann die Hand. Und Betriebsratschef Thomas Burkhardt stellte klar: „Für uns ist Allendorf die allererste und allerbeste Option.“

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