Ausverkauftes Haus bei Gogols Revisor mit dem Hessischen Landestheater Marburg

Verkehrte Welt in Ederberglandhalle

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- Frankenberg (ahi). Das richtige Timing ist alles in Nikolaj Gogols Revisor wie in Matthias Faltz’ Inszenierung des überzeitlichen Klassikers um Bestechlichkeit, zu der die Causa Wulff ein paar tagesaktuelle Pointen beisteuerte. Und alle, die beim Kartenkauf das richtige Timing hatten, genossen zwei Stunden allerbeste Unterhaltung ohne Klassikermief in der gewissermaßen auf den Kopf gestellten Ederberglandhalle.

Das rechte Timing macht viel aus im Stück wie in Matthias Faltz’ Inszenierung von Nikolaj Gogols Revisor, in der die Bühne die Falschaussagen der Protagonisten gnadenlos kommentiert. Je dicker die Lüge, desto größer und schwerer der Gegenstand, der mehr oder minder unauffällig von der Wand fällt. Gelegenheit dazu gibt es genug, denn in der 175 Jahre jungen Korruptionskomödie wird bekanntlich gelogen, dass sich die Balken biegen.

So lange der tyrannische Stadthauptmann (Sebastian Muskalla) mit seiner bestechlichen Beamtenclique noch unter sich ist, fällt nur alle paar Sätze das Bild von der Wand, doch mit der Ankunft des vermeintlichen Revisors kommen schon mal die Kontinente auf der Weltkarte herunter. Am Ende der Vorstellung ist die kleine Welt so weit aus den Fugen, dass sich etliche Treppenstufen gar nicht mehr einsetzen lassen, ehe die Wahrheit ans Licht kommt. Und für seine Auflösung mit dem abgefangenen Brief Chlestakows muss der Postdirektor (Sven Mattke) schon einen beherzten Sprung in die Tiefe tun.

Die Bühne von Peter Straß spielt also eine wesentliche Rolle in der Marburger Inszenierung und für die Aufführung dieser Produktion über eine verkehrte Welt wurde die Ederberglandhalle gewissermaßen auf den Kopf gestellt. Der Großteil der Besucher saß auf dem Podium, während Zweidrittel des üblichen Zuschauerraums durch die Spielfläche belegt war. Und spätestens mit Beginn der Vorstellung verwandelte sich eventuelle Verwunderung unter den Zuschauern über den ungewöhnlichen Aufwand in Bewunderung für eine rundum gelungene Vorstellung, die sich das übliche und gern hingenommene Warmlaufen bei Klassikern glatt schenkte, sondern mit drastischer Slapstick-Komik und bizarren Kostümen mit Vorstellungsbeginn den Angriff auf die Lachmuskeln eröffnete.

Die Beamten, die bislang den Gerichtssaal zur Hundezucht genutzt oder ein Krankenhausbett mit mehreren Patienten belegt haben, sind nicht im geringsten auf den Revisor und seine Kontrollen vorbereitet, vor dem der Stadthauptmann gewarnt wurde. Aber nur zu bereit alles zu tun oder zu geben, um unbeanstandet durchzukommen. Timing ist alles für einen, der die Ängste der bis zum Hals in ihrem korrupten Sumpf steckenden Beamten für sich zu nutzen weiß, und der Chlestakow in der Marburger Inszenierung weiß auch ganz von alleine, wann es Zeit ist zu gehen, der einzige Schönheitsfehler in dieser Produktion.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Donnerstag, 26. Januar

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