Vertrauen in die Einkaufsstadt verloren

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Gehen künftig getrennte Wege: Olaf Schreiber und Matthias Flemming werden die Mietverträge im Illerhaus mit Marion und André Kreisz nicht verlängern. Die Auszugstermine stehen fest. Schreiber hat ebenso wie Flemming den Glaube an die Einkaufsstadt Frankenberg verloren. Sie sehen weder für Bücher noch für Geschenkartikel eine wirtschaftliche Perspektive. Das Foto entstand 2010, als die Allianz der inhabergeführten Fachgeschäfte geschmiedet wurde. Archivfotos: Rouven Raatz

Frankenberg - Der Boxer taumelt - nach einem weiteren heftigen Schlag in die Magengrube: Die Nachricht, dass zwei weitere Händler der Einkaufsstadt den Rücken kehren, ist als schwerer Treffer für die Fußgängerzone zu interpretieren. Ob der Knockout noch zu verhindern ist?

Die Fußgängerzone durchlebt schwere Zeiten. Das ist mittlerweile allen Frankenbergern bekannt: Kunden, Politikern, Kaufleuten. Mehr als ein Dutzend Geschäfte stehen in der Neustädter Straße und ihrer Verlängerung leer. Der Grund für die Geschäftsaufgaben waren bislang vielfältig. Mal waren es persönliche Gründe, mal wirtschaftliche, oft sogar eine Kombination daraus. Doch jetzt haben zwei Kaufleute eine Entscheidung getroffen, die mehr als ein Fingerzeig ist. Denn vor allem ihre Begründung für das Aus ist ein fatales Signal: Olaf Schreiber und Matthias Flemming haben den Glauben an die Einkaufsstadt verloren. Sie sehen für sich und ihre Geschäfte in Frankenberg keine wirtschaftliche Perspektive mehr: aktuell und auch in Zukunft. Weder an ihrem aktuellen Standort im Illerhaus in der mittleren Fußgängerzone, noch in dem neuen Einkaufszentrum „Frankenberger Tor“. Bevor sie in finanzielle Probleme geraten, ziehen sie einen Schlussstrich.

20 Jahre in Frankenberg

„Wir werden Ende Januar das Illerhaus verlassen“, bestätigt Olaf Schreiber auf Anfrage von WLZ-FZ. Und das schweren Herzens. In diesem Jahr feiert die Buchhandlung mit Hauptsitz in Korbach ihr 20-Jähriges an der Eder. Doch zum Feiern ist Olaf Schreiber nicht zumute. „Wir sehen in Frankenberg einfach keine Perspektive mehr.“ Unter dem Strich verzeichnet Schreiber einen deutlichen Umsatzrückgang. Der hat zwei Gründe. „Das hat für uns als analoge Branche mit den digitalen Geschäftsfeldern zu tun.“ Unumwunden gibt er zu: „Amazon tut uns einfach weh.“ Zunehmend häufiger bestellen sich Leseratten ihre Bücher mit einem Klick im Internet und gehen nicht mehr zum Stöbern und Kaufen in eine Buchhandlung. „Zum anderen verlieren wir natürlich durch die rückläufige Kundenfrequenz in der Frankenberger Fußgängerzone.“ Und der dauerhafte Leerstand in der Neustädter Straße trage auch nicht dazu bei, „dass auf Dauer das aktuelle Niveau gehalten werden kann“.

Schreibers Mietvertrag im Illerhaus von Marion und André Kreisz endet im nächsten Jahr. Vor rund fünf Jahren war die Buchhandlung von der oberen in die mittlere Fußgängerzone umgesiedelt. „Doch ohne Perspektive ergeben auch weitere Investitionen keinen Sinn.“ Deshalb sei er letztendlich zum Entschluss gekommen, sich ganz aus Frankenberg zurückzuziehen. Und das, obwohl ihm die Filiale in der Fußgängerzone besonders am Herz gelegen habe. „Hier haben wir 1993 auf der Kahm-Fläche unser Filialkonzept begonnen.“ Frankenberg war der erste Standort außerhalb Korbachs. Den Mitarbeitern hat Schreiber angeboten, an den anderen Standorten für die Buchhandlung zu arbeiten. Vertreten ist Schreiber in Bad Wildungen, Bad Arolsen, Marsberg und am Stammsitz.

Frequenz ist zu gering

Den Stadtvätern macht Olaf Schreiber keinen Vorwurf. „Es war politischer Wille, dass ein Einkaufszentrum gebaut wird.“ Deshalb könne er auch nachvollziehen, dass die Konzepte darauf ausgerichtet sind. „Aber auch wir Einzelhändler müssen Entscheidungen treffen: Eine Stadt entwickelt sich, Laufwege ändern sich.“ Und unabhängig von einem neuen Pflaster in der Fußgängerzone würde die benötige Frequenz nicht mehr zurückkehren. „Und deshalb haben wir als wirtschaftlich geführtes Unternehmen für uns diese Entscheidung getroffen.“

Bereits Ende August will Matthias Flemming seine Geschenkartikel in der ersten Etage des Illerhauses einpacken. „Wir lassen den Vertrag auslaufen“, sagt er. „Frankenberg ist einfach uninteressant geworden.“ Und daran hätten die Kommunalpolitiker großen Anteil, „die mir nur Steine in den Weg gelegt haben“. Als ein Beispiel nennt er die im Dezember verabschiedete Sondernutzungssatzung. Wer vor einem Geschäft Warenauslagen platzieren will, muss dies bei der Stadt beantragen und pro Monat 2,50 Euro pro Quadratmeter bezahlen. „Da ist mal wieder der zweite Schritt vor dem ersten gemacht worden.“ Wenn die Stadt die Fußgängerzone aufgewertet hätte, „wäre ich ja auch bereit gewesen, dafür zu zahlen. Aber so? Mann kann nicht nur fordern.“ Als weiteres Beispiel nennt er Bürgermeister Rüdiger Heß. „Man kann sich nicht mit einem Schild hinstellen und für H&M in Frankenberg werben und auf der anderen Seite nichts für die Fußgängerzone machen.“

Keinen Hehl macht Matthias Flemming daraus, dass er sich eine Zukunft in Frankenberg hätte vorstellen können: jedoch an einem anderen Standort. „Wir wären ja in das ,Frankenberger Tor‘ gegangen, aber wir durften ja nicht.“ Einerseits habe die Politik den Weg freigemacht, dass ein Investor ein Einkaufszentrum errichten darf. „Andererseits wird uns Kaufleuten verboten, aus der Fußgängerzone dorthin zu gehen.“ Wobei er letztendlich auch im „Frankenberger Tor“ keine akzeptable Perspektive für sich gesehen habe. „Einen Mietvertrag über 15 Jahre zu unterschreiben, das ist für einen Mittelständler und Einzelunternehmen wie uns ein Genickbruch.“ Deshalb habe sich letztendlich für ihn die Frage gestellt, „wie wir uns das Genick brechen lassen wollen: in der toten Fußgängerzone, wo im nächsten Jahr die Geschäfte noch schwieriger werden, wenn sie eine Baustelle ist, weil das Pflaster erneuert wird. Oder mit einem 15-jährigen Mietvertrag in der Galerie.“ Er habe sich für das Leben entschieden und deshalb den Vertrag mit der Familie Kreisz nicht verlängert.

Kaufkraft ist gesunken

Ganz wird sich Flemming aus der Fußgängerzone jedoch nicht verabschieden. „Unseren kleinen Laden in der Fußgängerzone wollen wir um 30 Quadratmeter erweitern.“ Im Erdgeschoss bietet Flemming dort Tee, Pralinen und Feinkost an, im Obergeschoss soll es künftig auch Geschenkartikel geben. Auch in Bad Wildungen bleibt er weiter vertreten.

Der Entschluss sei bei aller Enttäuschung schwergefallen. „Es ist wie ein Kind zu Grabe zu tragen.“ Denn grundsätzlich sei die Fläche im Illerhaus gut gewesen. Und auch die Zusammenarbeit mit André Kreisz sei stets gut gewesen. „Aber die Kaufkraft ist einfach so gesunken, immer mehr Geschäfte stehen leer. Wie attraktiv ist Frankenberg noch?“

Von Rouven Raatz

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