Momente im Advent: Wenn die Familie der Mittelpunkt des Lebens ist

Vier Generationen unter einem Dach

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Bei ihnen wird es nie langweilig: Oma Reinhild Koch, Mutter Kathrina Viehmeyer mit der kleinen Anna und neben ihr Urgroßmutter Elisabeth Koch. Die vier sind Teil einer großen Familie, die unter einem Dach lebt. Fotos: Gerlinde Himmelmann

Frankenberg - Friedrichshausen - Anna ist mit wenigen Wochen der jüngste Spross der Familie. Ihre Uroma Elisabeth ist mit 86 Jahren das älteste Mitglied, dazu Schwiegertochter Reinhild mit Ehemann Lothar, deren Tochter Kathrina und Ehemann Samuel. Sie alle leben und arbeiten gemeinsam unter einem Dach auf ihrem Bio-Bauernhof in Friedrichshausen.

Der Ofen verbreitet wohlige Wärme im gemütlichen Wohnzimmer der Jungbäuerin Kathrina. Sie hat ihre schlafende kleine Tochter Anna im Tragetuch vor den Bauch gebunden und sitzt auf dem großen Sofa zwischen ihrer Mutter Reinhild und ihrer Großmutter Elisabeth.

„Wir freuen uns besonders auf dieses Weihnachtsfest mit unserer kleinen Tochter“, berichtet Kathrina, denn Annas Start ins Leben sei nicht einfach gewesen: Neun Wochen zu früh geboren, winzig klein und zart, musste sie lange Wochen in der Klinik verbringen. „Inzwischen ist davon nichts mehr zu spüren“, strahlt die junge Mutter. Runde Pausbäckchen und zufriedenes Schmatzen aus dem Tragetuch bestätigen ihre Aussage.

Die Vorteile des Lebens in einem Mehrgenerationenhaus liegen für Kathrina auf der Hand: „Ich habe schnell einen Babysitter zur Hand und bei Fragen stehen mir Mutter und Oma mit Rat und Tat zur Seite.“

Von ihrer Oma Elisabeth will sie sich im nächsten Jahr in der Gartenarbeit anlernen lassen. „Das war immer meine Aufgabe“, bestätigt die Großmutter, jedoch erlaube ihre Gesundheit dies mittlerweile nicht mehr, erklärt sie. „Aber das Gewächshaus werde ich noch bepflanzen“, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Sechs Kinder, ein Garten und eine Urlaubspension

Viel Arbeit hat die Friedrichshäuserin in ihrem Leben geleistet. Sechs Kinder wuchsen auf dem Hof auf, dazu kam die Vermietung einer Etage des Hauses an Urlauber, die Ferien auf dem Bauernhof machten - „mit Vollpension“, ergänzt sie. Beim Landfrauenmarkt in Frankenberg sei sie fast von Anfang an vertreten gewesen, erzählt sie. „Mit selbst gebackenem Brot, Kuchen und Keksen“.

„Wenn man älter wird, hat das Zusammenleben viele Vorteile“ sagt sie mit einem Nicken. „Ich sehe Enkel und Urenkel aufwachsen, habe immer einen Ansprechpartner und auch Hilfe wenn nötig.“ Seit dem Tod ihres Ehemanns Wilhelm im Jahr 2009 lebt sie allein im Erdgeschoss des großen Hauses.

Der Zusammenhalt in der Familie sei groß, berichtet Elisabeths Schwiegertochter Reinhild. „Wir spielen alle gerne Karten, ‚Baptistenskat‘„ fügt sie hinzu. Auch die junge Generation beteilige sich mit Freude an den abendlichen Spielrunden. „Jeden Nachmittag trinken wir gemeinsam eine Tasse Kaffee in der Küche meiner Schwiegermutter.“ Das sei inzwischen zu einer liebgewonnenen Tradition geworden. Auch sie freut sich darüber, ihre kleine Enkeltochter so nahe bei sich aufwachsen zu sehen. „In unserem Haushalt ist immer etwas los, hier wird es nie langweilig.“

Lothar, ihr Mann, bewirtschaftet den Hof in siebter Generation im Vollerwerb. Seit 1830 im Familienbesitz, hat sich in dem landwirtschaftlichen Betrieb im Laufe der Jahre vieles verändert. So hat die Familie im Jahr 1964 ein neues Wohnhaus bezogen, mehrfach den Stall erweitert, den Viehbestand aufgestockt und zuletzt einen neuen Melkstand und eine größere Milchkammer gebaut. „Alles in Eigenleistung“, betont Lothar. Er sei Bioland-Mitglied und Mitbegründer der Upländer Bauernmolkerei und ihr Milchlieferant, führt er aus. Die Umstellung des Hofes auf ökologische Bewirtschaftung begann 1989. „So eine große Aufgabe kann man nur übernehmen, wenn der familiäre Zusammenhalt gegeben ist und alle für die gemeinsame Aufgabe arbeiten“, bestätigt er.

Auch Schwiegersohn Samuel Viehmeyer arbeitet nach Feierabend mit. „Die Arbeit mit den Tieren bereitet mir viel Freude“, sagt er. „Wenn Jung und Alt zusammenarbeiten und die Arbeitsabläufe kennen, dann lässt sich auch mal ein freier Tag oder sogar ein Urlaub bewerkstelligen.“

So richtet sich auch die Ausrichtung des Heiligen Abends nach den Bedürfnissen der Tiere im Stall. Erst wenn sie versorgt sind, kommen die Menschen an die Reihe. „Toast Hawaii“ steht seit Langem auf dem Speiseplan dieses Abends. „Das lässt sich schnell zubereiten und alle mögen es gerne“, berichtet Bäuerin Reinhild. „Dann gehen wir ins Weihnachtszimmer.“ Dort werde die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorgelesen, es wird gemeinsam gesungen und musiziert und danach packen alle ihre Geschenke aus.

Zum Weihnachtsfest kommen alle heim

„Am ersten Weihnachtstag werden wir über 50 Personen sein - nur Familie“, hat Jungbäuerin Kathrina nachgezählt. Es sei schon immer so gewesen, dass sich die entfernter wohnenden Kinder, Enkel und Urenkel von Uroma Elisabeth dann auf dem Hof treffen und von ihr zum Essen eingeladen werden. „Es werden allerdings von Jahr zu Jahr mehr“, ergänzt sie erfreut.

Elisabeth Koch weiß genau, was an diesen Feiertagen auf den Tisch kam: „Vorsuppe mit Eierstich, Braten, Gemüse und auf jeden Fall frischen Feldsalat aus dem eigenen Garten.“ Den Feldsalat gebe es immer noch, fügt sie hinzu, das restliche Essen aber werde inzwischen bestellt.

Und dann fällt ihr noch ein, dass sie vor 52 Jahren ein ganz besonderes, einmaliges Weihnachtgeschenk erhalten habe: „Ich habe einen kleinen Sohn bekommen in dieser Nacht“, und ein Strahlen geht bei dieser Erinnerung über ihr Gesicht.

Von Gerlinde Himmelmann

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