EloKa-Soldaten trainieren nahe Wildflecken für den Einsatz in Afghanistan

Vorbereitung auf einen Krieg, der keiner ist

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Höchste Konzentration: Auch wenn der Gegner in Wildflecken maschinell aufklappt und nicht zurückschießt, sind die Soldaten des EloKa-Bataillons 932 gefordert wie im echten Einsatz. Eine ähnliche Situation wie auf der Schießbahn ist in Afghanistan jederzeit denkbar.Fotos: Malte Glotz

Frankenberg/Wildflecken. - Im Niemandsland zwischen Bayern und Hessen rückt Afghanistan den heimischen Soldaten ein Stück näher: Sie bereiten sich auf ihren Einsatz im Ausland vor.

Es wird ein Kampf ausgefochten an diesem Morgen auf einem Truppenübungsplatz zwischen Bayern und Hessen. Sonne und Wolken ringen um den Himmel. Regenschauer streichen über die Baumwipfel. Den Soldaten des Frankenberger EloKa-Bataillons steigt Dampf aus der Nase. Sie hocken hinter einer Baracke - auf der anderen Seite wartet der Gegner.

Der Gegner, das sind in Wildflecken Pappkameraden. Automatisch hochklappende Scheiben, grob menschlich und mit aufgezeichnetem Gewehr verziert. Der Gegner ist überraschend aufgetaucht. Tags zuvor war das afghanische Dorf von den Bewohnern verlassen worden. Die Truppe des EloKa-Bataillons hat den Auftrag, in der Gegend aufzuklären. So weit die Lage, bevor der kleine Trupp den noch nicht gesicherten Boden betritt. Dann ändert sich alles. Feindbeschuss. Verletzte.

Es ist ein realistisches Szenario, dass die Frankenberger Soldaten üben. Eines, das sie so oder so ähnlich selbst einmal erleben könnten und auch schon erlebt haben. „Sogar die Namen der Ortschaften sind real - oder zumindest den wirklichen Namen sehr nahe“, erklärt Oberstleutnant Elmar Henschen, Kommandeur des Bataillons für Elektronische Kampfführung 932. Da tut es auch nichts zur Sache, dass die zweidimensionalen Aufständischen zwischen rot gedeckten Häusern auftauchen, dass sie die Kirche der Moschee zu bevorzugen scheinen. Und dass es im echten Afghanistan deutlich weniger grün ist.

Konzentration, Disziplin und lehrreiche Fehler

Die Soldaten nämlich sind hoch konzentriert - für sie zählen Details, die wichtigen Details. Krieg ist kein Spiel. Das ist spürbar auf diesem Platz, auf dem die jungen Männer und Frauen mit geladenen Waffen zwischen Baracken im Regen kauern. Befehle werden über den Platz gebellt - aus einem Häuschen löst sich eine Gruppe, huscht über eine Straße und verschwindet in der Deckung. Nicht sofort, aber in der Nachbesprechung gibt es dafür eine milde Rüge. Doch zum Lernen sind sie da: In der Hohen Rhön gibt es niemanden, der wirklich auf die Soldaten schießt. Niemand, der ihnen etwas Schlechtes will. Beim Wechseln der Stellung wurde der Schutz vernachlässigt: Die Soldaten sind über die Straße gespurtet, so schnell es geht - ein verständliches Verhalten. In einem afghanischen Dorf aber kann es ein tödliches Verhalten sein.

Es ist durchaus realistisch, dass Frankenberger Soldaten in eine Situation geraten, in der sie ihre Waffe benutzen müssen. Spezialist zu sein für elektronische Kampfführung heißt nicht, in einem klimatisierten Büro vor Bildschirmen zu sitzen. „Am Ende des Tages sind wir alle Soldaten“, sagt der Kommandeur. Das bedeutet: Waffenkunde ist auch in der elektronischen Kampfführung essentiell. „Meist dient unsere Waffe der Selbstverteidigung“, sagt Elmar Henschen, hält kurz inne und ergänzt: „Es wird von uns erwartet, dass wir Schulter an Schulter mit der Kampftruppe im Gefecht bestehen können.“ Pistolen, das Standardgewehr G36, Maschinenpistolen gehören dazu. Aber auch Handgranaten.

„Noch zwei mal werfen“, sagt leise ein junger Mann mit russischem Akzent. „Na, das ist auch gut so“, erwidert sein Kamerad in einem dunklen Tunnel aus Beton. Am Ende der Schlange tritt der nächste Soldat ins Sonnenlicht, das für einen Moment die Oberhand gewinnt, und macht sich auf, die birnenförmige Waffe zu werfen. In hohem Bogen fliegt die Granate. Der Soldat duckt sich - sein Ausbilder blickt dem unscheinbaren Unheilsbringernur einen Augenblick länger hinterher. Eine Druckwelle erschüttert den Bau. Rauch steigt auf, wo eben noch die Granate lag. „Ich mag die Dinger nicht“, sagt ruhig der junge Mann im sicheren Gebäude und atmet tief aus. Der Ausbilder klopft seinem sichtbar erleichterten Kameraden in einiger Entfernung anerkennend auf die Schulter.

Aufklärung aus dem Rücken des Gegners

Eine andere, kaum bekannte Gruppe von EloKa-Soldaten kann sich derlei Skrupel kaum erlauben: LEKE. Der Zug ist nicht einmal hundert Mann stark. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn die Geheimhaltung steigt. Ist das Kommando Spezialkräfte unterwegs, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch LEKE, das luftlandefähige Element der EloKa,an der Mission beteiligt ist. Wie andere Spezialkräfte auch springen LEKE-Einheiten bei Bedarf aus dem Flugzeug - mit Bewaffnung und Aufklärungstechnik. Im Feindesgebiet leisten sie dann Aufklärung für die Kommandoeinheiten. „Wir suchen keine Rambos“, weist Kommandeur Henschen auf den Umstand hin, dass zehn Jahre nach der Aufstellung die Sollstärke noch immer nicht erreicht ist: Neben absoluter körperlicher Leistungsfähigkeit, Ausbildung zum Einzelkämpfer und technischem Verständnis zählt vor allem eins: ein gefestigter Charakter und Belastbarkeit. Bis zu drei Tage lang müssen die Teams im Ernstfall ohne Verstärkung auskommen.

Sie gehören zur Speerspitze in einem Krieg, der keiner mehr ist. „In der Asymmetrie gibt es keine klaren Linien mehr“, sagt der Kommandeur. Das Bild der Front ist veraltet. „Der Feind kann aus 360 Grad kommen“, unterstreicht Henschen die Bedeutung einer präzisen Aufklärung im Felde und aus dem Hintergrund. Die leistet LEKE bei militärischen Evakuierungsoperationen, schnellen Anfangsoperationen oder auch Operationen in der Tiefe, also weit in den gegnerischen Raum hinein. Die Aufklärung war auch „Made in Donauwörth“ - im Rahmen der Umstrukturierung der Bundeswehr kamen die Aufklärer mit Sonderausbildung nach Frankenberg.

So trainieren sie den Ernstfall nur einige Kilometer von Rekruten entfernt, versteckt durch dichten Nadelwald und feuchte Nebelschwaden. Den ganzen Tag über sind sie im Freien.Wenig verwunderlich ist es da, dass der Hunger manchmal der größte Feind ist: Knapp 4000 Kilokalorien bekommt jeder EloKa-Soldat auf dem Übungsplatz - pro Tag. Das ist beinahe das doppelte der empfohlenen Ration für den Durchschnittseuropäer. Zuständig für eine heiße Einlage im leichten Nieselregen sind an diesem Tag Alexander Pund und Simon Haghs. Es gibt Wurtsuppe - auch genannt: Soljanka. Das Essen des ehemaligen Gegners. Dabei herrschte auf dem Truppenübungsplatz in Wildflecken über Jahrzehnte die amerikanische Küche vor: 1938 von der Wehrmacht errichtet, nutzten die USA den Platz nach der Befreiung weiter - in typisch europäischer Mittelgebirgslandschaft ideales Trainingsgelände. Bis zum Abzug der US-Truppen im Jahr 1994 änderte sich darannichts. Dann übernahmen wieder deutsche Soldaten den Platz - und mit ihm die Küche.

Deren Kunst - zugleich bürokratisches Monster, denn es darf nicht einfach irgend etwas gekocht werden - wirkt moralische Wunder in der Truppe. Auf der Schießbahn steht die Aufklärung eines weiteren afghanischen Dorfes an. Gestärkt geht es zu elft ins Ungewisse. Die junge Gruppenführerin will niemanden verlieren: „Was ich sage, ist Gesetz“ - eine klare Ansage. „Um Sie muss ich mich im Einsatz nicht sorgen“, lobt der Kommandeur - und erntet ein Lächeln im Nieselregen.

Hintergrund:

Rund 270 Soldaten des Frankenberger EloKa-Batatillons 932 verlegten vergangenen Montag nach Wildflecken. Sie bleiben bis zum Ende dieser Woche im hessisch-bayerischen Grenzgebiet. Auf dem Truppenübungsplatz stellen die fünf Kompanien unter Kommandeur Oberstleutnant Elmar Henschen derzeit die größte Gruppe – mehr als drei Viertel der übenden Truppen auf dem Platz sind Frankenberger. Sie sind so auch für die Versorgung der übrigen Einheiten verantwortlich. Die Soldaten trainieren den Umgang mit unterschiedlichen Waffen - von der Pistole bis zur Panzerfaust. Für die Übungen wurde Munition aus vier Lagern angefordert – zudem nahmen die Frankenberger den rößten Teil ihrer eigenen Bestände mit. Dazu gehört auch Leuchtmunition: Die Frankenberger üben auch in der Nacht. Zweimal wöchentlich ist Nachtschießen in der Zeit von 20 bis 24 Uhr angesag– abgesehen von Leuchtmitteln und einiger Leuchtspurmunition – ohne weitere Hilfsmittel im Dunkeln zu absolvieren. Wenn die Waffen gereinigt und sicher verstaut sind, kann es auf 2 Uhr zugehen. Für die ersten Soldaten beginnt der neue Tag schon kurz darauf: um 5.30 Uhr.

Von Malte Glotz

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