Geschichte Gemündener Juden

Den Vorfahren auf der Spur

+
Ellen Kramer (Mitte) mit ihrer Familie vor ihrem Elternhaus in der Lindenstraße 7: Begleitet wurden sie von Hans-Peter Klein, Bürgermeister Frank Gleim und Horst Hecker (v.r.) vom Stadtarchiv. Die Familie Engeland freute sich über den Überraschungsbesuch.

Gemünden - Drei Generationen, eine Vergangenheit, die sie alle miteinander verbindet und für immer Spuren hinterlassen wird: Die Geschichte des in Auschwitz ermordeten Juden Wilhelm Marx aus Gemünden und dessen Vater Jacob, der 1939 Richtung Amerika floh.

Gabriele Engeland hatte Tränen in den Augen, als sie Ellen Kramer zum ersten Mal sah; wie sehr hatte sie sich gewünscht, die Menschen, die früher einmal in der Lindenstraße 7 in Gemünden gelebt hatten, kennenzulernen. Gestern stand Ellen mitsamt Familie vor ihrer Haustür, um sie und ihren Mann Helmut Engeland zu begrüßen. Die Überraschung war ein voller Erfolg: „Ich habe Gänsehaut“, sagte sie und schüttelte jedem überglücklich die Hand. Gemeinsam erkundeten sie den Innenhof, der bei Ellen Kramer, geborene Marx, alte Erinnerungen hervorrief.

Hintergrund des Treffens ist eine spannende Familiengeschichte, die von verschiedenen Geschichtsinteressierten aus Gemünden und Umgebung rekonstruiert wurde: Der Gemündener Jude Wilhelm Marx wurde in den Dreißigerjahren wegen Rassenschande verurteilt, landete im Kasseler Gefängnis und wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Dessen Vater Jacob, Ellens Großvater, entschied sich für einen wichtigen Schritt, der für die nachfolgenden Generationen prägend war: Er verließ Deutschland im Jahr 1939 und gelangte schließlich nach Holland. Dort verstarb er, während seine Familie in die Staaten floh. „Jacob war sehr wichtig für uns und unseren weiteren Lebensweg“, sagte Ellen, die noch in der Lindenstraße 7 geboren wurde und heute in New York lebt. „Unsere Familiengeschichte wird nun in den jüngeren Generationen weitererzählt und -geführt.“

Ellens Tochter Judy McEvoy war mit Hans-Peter Klein aus Melsungen, der schon lange über jüdische Familien in Nordhessen recherchiert, in Kontakt getreten und hatte mit ihm zusammen das Treffen organisiert. Gleich drei weitere Generationen brachte Ellen mit, darunter die Witwe ihres verstorbenen Bruders Gerhard und deren Sohn Eric sowie ein paar Enkelkinder. Gemeinsam mit Bürgermeister Frank Gleim, Hans-Peter Klein und Horst Hecker vom Frankenberger Stadtarchiv, der momentan ein Buch über das jüdische Leben im Frankenberger Land schreibt, besuchten sie neben der Lindenstraße 7 auch noch die beiden jüdischen Friedhöfe in Gemünden und Grüsen.

„Viel jüdische Geschichte“

„Hier in Gemünden und Umgebung gibt es generell sehr viel jüdische Geschichte“, sagte Bürgermeister Gleim. Ab 1866 habe es zwölf jüdische Familien in der Stadt gegeben, im Jahre 1933 insgesamt 44 jüdische Einwohner. „Wir sind nun an einem Punkt angekommen, wo wir uns mit der Geschichte arrangieren müssen. Wir sollten sie nicht vergessen, sondern darüber reden“, sagte Gleim. Er selbst sei gerührt von dem Zusammentreffen, so etwas habe er noch nie erlebt. Seine Bewunderung galt der Familie, die ein so großes Interesse zeige, hier in Deutschland die Geschichte ihrer Vorfahren aufzuarbeiten, obwohl jenen hier schlimme Dinge widerfahren seien.

Dass man Geschichte nicht vergessen solle, betonte auch Ellens Schwägerin: „Wenn man nicht will, dass sich die dunklen Kapitel der Geschichte wiederholen, muss man sie verstehen“, sagte sie.

Damit die Geschichte der beiden Juden Wilhelm und Jacob Marx niemals in Vergessenheit gerät, soll nun so bald wie möglich ein „Stolperstein“ vor dem Haus in der Lindenstraße montiert werden. Diese Steine lassen sich an zahlreichen Gebäuden finden, in denen in der Zeit des Nationalsozialismus jüdische Familien gelebt haben - auch in Frankenberg.

Empfangen wurde die Familie im Rathaus der Stadt, wo sich alle in einem lebhaften Durch­einander um einen großen Tisch versammelten, um über die komplizierten Familienverhältnisse zu reden. Gespannt hörte auch die jüngere Generation Ellens Ausführungen zum Leben ihrer Vorfahren zu.

Ellen Kramer und ihrer Familie dürfte die Vergangenheit ihrer jüdischen Vorfahren mit dem Besuch der Lindenstraße 7 ein bisschen nähergekommen sein - vielleicht ist dies ja nicht der letzte Aufenthalt an dem Ort, wo ihre spannende Familiengeschichte begann.

Kommentare