In Pestzeiten nutzte die Marburger Universität das Gotteshaus in Frankenberg

Vorlesung von der Kanzel

Meisterwerk der Renaissance: Der Frankenberger Bildhauer und Modelschneider Philipp Soldan schuf für die Kirche seiner Heimatstadt „Anno Domini 1554“ dieses Sandsteinkanzel. Im selben Jahr diente das Gotteshaus auch als Hörsaal für die vor der Pest geflohenen Studenten.

Frankenberg. Aus der angesehenen Frankenberger Lateinschule des Rektors Jakob Horle zogen nicht nur später berühmt gewordene Schüler wie Euricius Cordus oder Helius Eobanus Hessus hinaus zu den Universitäten in Erfurt oder Marburg – sie kehrten auch in Pestzeiten wieder zurück in ihre ländliche Heimatstadt und brachten dann den ganzen Lehrbetrieb mit. Mindestens sechs Mal zog die von Landgraf Philipp 1527 gegründete Marburger Universität nach Frankenberg um, weil sie sich dort vor der Seuche sicherer fühlte.

Der in Frankenberg geborene Künstler Abraham Saur (1545-1593) lobte deshalb in seinem 1581 mit prächtigem Holzschnitt geschmückten „Stättebuch“ Frankenberg als „fürstlich berühmte Grenzstadt in Hessen … auch gastfrei und gegen gelehrte und fremde Leut sehr bequemlich“. Zum ersten Mal flüchteten die Marburger Professoren und Studenten 1530 nach Frankenberg und hielten ihre Vorlesungen in den Rathäusern der Alt- und Neustadt. Auch aus Erfurt kamen vier ehemalige Frankenberger Magister zurück, als dort die Seuche ausbrach. Prof. Franz Lambert von Avignon, der den Landgrafen in Fragen der Reformation theologisch beraten hatte, kam todkrank an: Er wurde mit seiner gesamten Familie am 18. April 1530 in Frankenberg „vom englischen Schweiße“ hinweggerafft.

Weil Frankenberg 1542 von der Pest selbst betroffen war, musste die Universität nach Grünberg und Biedenkopf ausweichen. Zwölf Jahre später folgte der amtierende Marburger Rektor Johannes Dryander, Professor der Medizin, nur widerwillig dem Befehl der Landesregierung, mit dem gesamten Universitätspersonal wieder nach Frankenberg ins Exil zu ziehen und bei den Bürgern provisorisch zu logieren.

Zusätzliche Bänke

Nun wurde auch die Liebfrauenkirche als Hörsaal genutzt. Für die Studenten stellte man zusätzliche Bänke auf, die Professoren erhielten in der Kirche einen eigenen Stand. Es war das Jahr, in dem der Künstler Philipp Soldan für seine Stadtkirche eine kunstvolle Renaissance-Steinkanzel schuf und mit der Inschrift „Anno Domini 1554“ versah – sie wurde nun für Vorlesungen genutzt. Erst im Frühjahr 1555 ebbte in Marburg die Seuche ab, nach einem festlichen „Valet“-Essen im zehntürmigen Rathaus zogen die Professoren wieder heim. Über seine Ausgaben hat Dryander genau Buch geführt. Gegen die Pest entwickelte er allerhand „Artzeneien“, darunter „Rauchkertzlein“ gegen die „bösen dünste und dämpffe“.

Weitere Einquartierungen der Marburger Universität gab es in den Pestjahren 1564, 1575 und 1585 und 1611 in Frankenberg. Der hessische Kanzler Johannes Lersner starb dort 1576 und wurde in der Liebfrauenkirche begraben. Am 29. März 1576 fanden in der Kirche zwei feierliche Doktor-Promotionen statt – Festschmaus war anschließend im Rathaus.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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