Der Marburger Rainer Brämer hat die Natur als Forschungsthema entdeckt – Zahlreiche Befragungen

Wandern als Wissenschaft

Rainer Brämer: Er gilt als deutscher Wanderpapst. Foto:  Coordes

Marburg. Er gilt als deutscher Wanderpapst. Dabei versteht sich Rainer Brämer eher als Querdenker: „Ein Papst schafft zu viel Distanz“, sagt der 66-jährige Natursoziologe, der sich seit 20 Jahren wissenschaftlich mit dem Wandern befasst. Das Bild der rotkarierten Wandergreise hat er gründlich entstaubt. Rund 100 deutsche Wanderwege hat er konzipiert.

Eigentlich ist der in Düsseldorf und in der Lüneburger Heide aufgewachsene Arbeitersohn promovierter Physiker. Doch die Sozialwissenschaften fand er Anfang der 70er-Jahre spannender. Rainer Brämer wechselte in die Marburger Forschungsstelle für vergleichende Erziehungswissenschaften. 20 Jahre lang – bis zur deutschen Einheit – verglich er Schulen und Bildungssysteme in Ost und West. Dann wurden das Wandern und die Natur sein Forschungsthema. Schließlich ist dies seine Leidenschaft. Jahrzehnte lang hat er Wanderungen für die Marburger Volkshochschule geführt.

„Die Landschaft um Marburg ist für Wanderer fast ideal“, sagt der Experte, der täglich mit Bella, einem Schweizer Sennenhund, durch die Felder streift. Das Marburger Land sei sehr abwechslungsreich, erklärt Brämer: Weite Aussichten wechseln mit offenen Flusstälern, kleine Burgen mit malerischen Dörfern, Kammwege mit Heiden und Auen.

Durch zahlreiche Untersuchungen und Befragungen entdeckte er die neue Wandergeneration: Kniebundhosen, Filzhüte und Stöcke sind danach schon lange out. Auch stramme Märsche in Gruppen sind nicht mehr angesagt. Die heutigen Bergurlauber laufen am liebsten zu zweit. Sie sind jünger und gebildeter als erwartet. Vor allem Akademiker zieht es – als Ausgleich zu Büro, Computern und langen Sitzungen - in die Natur.

Mit den Wanderern als lohnende, aber völlig unterschätzte Gästegruppe wurde Brämer zum Ansprechpartner für Tourismusverbände aus ganz Deutschland. Die ersten Wanderwege konzipierte er für die Stadt Bad Endbach. Es folgten Gladenbach, Salzbödetal und Aartal. Eine Erfolgsgeschichte wurde vor allem der Rothaarsteig. Der 152 Kilometer lange Kammweg mit seinen weiten Aussichten wurde nach Gesichtspunkten entworfen, wie moderne Wanderer sie lieben. Mit erstaunlichem wirtschaftlichen Erfolg: Jedes Jahr kommen mehr als eine Million Menschen, die einen Umsatz von 30 Millionen Euro in die Region tragen.

Neben seiner Arbeit als Studienberater und Forscher an der Philipps-Universität gründete Brämer die Projektpartner Wandern und das Deutsche Wanderinstitut, dessen Ehrenvorsitzender er bis heute ist. Er entwickelte Wandersiegel und Premiumwege mit strengen Kriterien für besonders schöne Wege. Maßgeblich beteiligt war er an den Fernwanderwegen Rheinsteig, Hochrhöner und Eifelsteig. „Am liebsten bin ich der Scout“, sagt der 66-Jährige. Landschaften neu zu entdecken - gern auch querfeldein -, gefällt ihm am besten.

Rainer Brämer hat auch den in der Unistadt Marburg endenden Lahn-Dill-Bergland-Pfad konzipiert.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

Kommentare