Bürger verhinderten manchen Abtransport der Glocken für Rüstungszwecke

Warmer Klang aus Bronze

Für Harbshausen gerettet: Das von Melchior Dersch 1758 gegossene Glöckchen blieb vom Krieg verschont, weil der Großvater von Karl Höbel (1920-2011) mit dem Bürgermeister Büchsenschütz den Abtransport verhinderte.

Waldeck-Frankenberg. Es gibt nur wenige Minuten im Laufe eines Jahres, in denen etwa 450 Glocken von allen Türmen der Kirchen im Landkreis Waldeck-Frankenberg gleichzeitig ihre gewaltigen Stimme erschallen lassen: Wenn sie an Silvester punkt Mitternacht das neue Jahr einläuten. Unter ihnen sind sehr alte Bronze-Klinger wie etwa die Lelbacher aus dem Jahr 1298 oder die „Alphabet“-Glocke in Battenfeld aus dem 14. Jahrhundert, aber auch noch zahlreiche einfache Stahlguss-Glocken, die sich die Gemeinden als Ersatz für ihre wertvollen in den Weltkriegen geopferten Geläute angeschafft haben.

„Gerade im Bereich des Edertals gibt es noch erstaunlich viele solcher Stahlglocken“, sagt Pfarrer a. D. Burkhard Pandikow (Wohratal), der als Glockensachverständiger der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck im Sprengel Waldeck-Marburg zuständig ist. „Der Klang der Glocken aus Stahl ist nicht so obertonwarm wie der aus Bronze“, berichtet er. Dies war ein Grund für viele Kirchengemeinden, sobald sie sich nach den beiden Weltkriegen wirtschaftlich wieder erholt hatten, die Stahlkörper aus den Türmen zu holen und neue Geläute aus Bronze gießen zu lassen.

Nach dem Ersten Weltkrieg spendeten oft ausgewanderte Bürger in Amerika, beispielsweise in Bromskirchen oder Wiesenfeld, für Glockenersatz in ihrer Heimat.

Während Orgeln im Bewusstsein der Gemeinden ständig präsent waren und entsprechend gepflegt wurden, achtete man auf die Glocken weniger. „Es gibt noch immer keine Glockendatei für unseren Kreis“, bedauert Pfarrer Pandikow. Er nutzt jede Gelegenheit, wenn er mit der Stimmgabel Glockenstühle aufsucht und Gutachten anfertigen muss, um dafür Daten zu sammeln und so eine Art Kataster für die heimische Glockenlandschaft aufzubauen.

Fenster im Turn zugemauert

„Wenn man uns schon nicht auf der Kanzel hört, dann doch wenigstens den Ruf unserer Glocken“, sagt der engagierte Kirchenmann. Viele Menschen haben ihm geschildert, wie ihre Vorfahren zu verhindern versucht haben, dass die Glocken für Rüstungszwecke abmontiert und eingeschmolzen wurden. „Da hat man schnell noch Fenster im Glockenstuhl zugemauert, um zu demonstrieren, dass ein Ausbau unmöglich ist“, erfuhr Pfarrer Pandikow.

„Die Beschlagnahme-Kommission stand in Harbshausen schon bereit“, erzählte der kürzlich verstorbene Ehrenbürgermeister Karl Höbel. „Unser Glöckchen, ein Kunstwerk aus dem Jahr 1758, sollte im Ersten Weltkrieg wie viele andere zu Kanonen umgeschmolzen werden. Der damalige Bürgermeister Adam Büchsenschütz und mein Großvater Christian kämpften für den Verbleib - und ihre Argumente hatten Erfolg.“ Im Jahr 2008 feierte Harbshausen den 250. Geburtstag der Glocke mit einem Fest, und Karl Höbel hielt seine letzte Rede.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

Kommentare