Hainas Patientenfürsprecher im Portrait

„Warum soll ich denn zuhause sitzen?“

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Haina (Kloster) - Konrad Seibel sieht keinen Grund, seine Zeit mit Nichtstun zu verbringen. „Warum soll ich denn zuhause sitzen?“, fragt der 86-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Seit mehr als 20 Jahren kümmert er sich ehrenamtlich um die Belange der Patienten in der Allgemeinpsychiatrie in Haina.

Wenn Konrad Seibel donnerstags nach von Frankenberg nach Haina fährt, hat er meistens ein paar Zeitungen, Zeitschriften – möglichst mit ungelösten Kreuzworträtseln – und manchmal Bücher dabei. Der einstige Gynasiallehrer besucht die Patienten in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Eigentlich steht ihm dort ein kleines Büro zur Verfügung. Doch längst ist er dazu übergegangen, die Patienten in den Stationen und manchmal auch in den Werkstätten zu besuchen. Bis zum Abend bleibt er in Haina und spricht mit den Menschen über ihre Krankheiten, ihre Lebensgeschichte und die Behandlung in der Klinik. Als Patientenfürsprecher ist er der Vermittler zwischen Therapeuten und Pflegern auf der einen und den Patienten auf der anderen Seite. Viel zu vermitteln gibt es allerdings nicht, sagt Seibel zufrieden: „Früher gab es öfter Beschwerden, zum Beispiel über zu knappen Ausgang oder dass das Essen nicht warm genug war“, erinnert sich der Frankenberger. Aber das komme heute kaum noch vor. Wenn es doch mal vereinzelte Kritik am Personal gebe, dann sei diese häufig einer emotional schwierigen Situation geschuldet und erweise sich als ungerechtfertigt. Seine wichtigste Aufgabe ist deshalb, den Patienten zuzuhören. Die meiste Zeit verbringt der 86-Jährige in der Station für Suchtkranke. „Sie brauchen einfach viel menschliche Zuwendung“, sagt Seibel – und er hat die Zeit und die Geduld dafür. „Die Patienten erzählen mir viel, oft ihren ganzen Lebenslauf. Ich muss nur gut zuhören.“ Für Dr. Für Rolf Speier, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, nimmt Konrad Seibel „eine ganz wichtige Mittlerrolle ein, weil er sich nicht als Therapeut sieht. Viele Patienten erzählen manche Dinge lieber jemandem, der nicht in diese Richtung gelabelt ist“. Seibel nehme seine Aufgabe mit gesundem Menschenverstand wahr und habe ein offenes Ohr für die Patienten. „Wir empfinden ihn als ausgesprochen hilfreich.“ Im Jahr 1991 wurde Konrad Seibel vom damaligen Landrat Dr. Bökemeier zum Patientenfürsprecher ernannt. Der gebürtige Halgehäuser hatte schon zuvor Kontakt zur Psychiatrie: Sein Vater Daniel und sein Bruder Wilhelm waren dort Oberpfleger. „Mein Bruder hat mir damals davon abgeraten“, erinnert sich Konrad Seibel schmunzelnd. „Er sagte: Du setzt sich zwischen die Stühle und kannst es keinem recht machen“. Ein Kollege seines Bruders, Hans Lange aus Gemünden, überzeugte Konrad Seibel, es trotzdem zu versuchen. Er fand Freude an der Aufgabe – so sehr, dass er sie mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten wahrnimmt. Um sich auf diese ehrenamtliche Arbeit vorzubereiten, las er sich in die Themen ein und sprach mit seinem Bruder. Außerdem sei ihm sein früherer Beruf zugute gekommen: „Als Lehrer muss man auch Psychologe sein“, sagt Seibel. Entscheidend sei jedoch die Erfahrung gewesen, sagt er rück­blickend. Dabei geht es nicht nur um das Wissen, das er in den vergangenen 21 Jahren erlangt hat, sondern auch um seine Erfahrungen als junger Mann. Sie kommen ihm besonders bei den zahlreichen Aussiedlern zu Gute: Wenn er von seiner Zeit als Kriegsgefangener in Russland erzählt und ein paar russische Worte zitiert, ist das Eis gebrochen. „Dann fassen die Patienten plötzlich Vertrauen.“ Seine Erlebnisse aus dem Krieg nutzt er auch, um den Suchtkranken einen Rat mit auf den Weg zu geben. Er habe selbst erfahren, dass der Wille entscheidend sei, wenn man ein Ziel erreichen wolle – bei ihm sei es das Überleben der Kriegsgefangenschaft gewesen, bei den Patienten sei es das Leben ohne Alkohol, Drogen oder Medikamente. „Ich kann ihnen nicht dabei helfen“, weiß Seibel. Die meisten Patienten sprechen gern mit ihm, berichtet der Frankenberger. Nur in Einzelfällen, in denen sie durch die Entgiftung noch körperliche Beschwerden haben, werde sein Besuch abgelehnt. Schwieriger sind die Besuche in der Geriatrie, also auf den Stationen für alte Menschen mit Demenz. „Oft unterhalte ich mich eine Viertelstunde mit ihnen. Dann gehe ich kurz raus und wenn ich wiederkomme, fragen sie mich, wer ich bin“, berichtet er. Anderen Patienten bringt er manchmal Bücher mit – oft mit Bezug zu seinen alten Schulfächern, Geografie und Geschichte. Später unterhält er sich mit den Patienten über die Bücher. „Das erinnert mich sehr an die Zeiten in der Schule“, erzählt der 86-Jährige. So lange ihm die Gespräche mit den Patienten Freude machen und seine Gesundheit es erlaubt, will er sein Ehrenamt behalten. „Wenn ich zuhause sitze, ist den Patienten schließlich auch nicht geholfen“, begründet er gut gelaunt.

Von Andrea Pauly

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