Polizist vor Gericht

Weiter unterschiedliche Angaben zum Tatort

Frankenberg - Wo ist der Tatort? Diese Frage beschäftigt weiter die Prozessbeteiligten am Frankenberger Amtsgericht nach den Schlägen eines Polizeibeamtes gegen einen Jugendlichen. Zwei neue Beweisanträge des Verteidigers sollen zeigen, dass alle bislang gehörten Zeugen – einschließlich eines Kollegen des Angeklagten – unglaubwürdig sind.

Der Angeklagte ist Polizist und versah damals bei der Frankenberger Polizeistation seinen Dienst. Er soll am Abend des 23. Oktober 2012 einen damals 16-Jährigen mit einem Teleskopschlagstock an der Augenbraue verletzt haben. Der Angeklagte gibt an, den Schlag mit dem Handballen ausgeführt zu haben. Den Schlägen vorausgegangen waren Sachbeschädigungen: Eine Jugendgruppe, zu der auch mutmaßlich Geschädigte gehörte, hatte zwischen Frankenberg und Röddenau Baustellenschilder auf die Straße geworfen.

Ob Faust oder Schlagstock, diese Frage steht längst nicht mehr im Mittelpunkt. Am Ende des fünften Verhandlungstags hatte der Angeklagte angegeben, der Tatort sei eine andere Kreuzung gewesen. Er habe ein Kreuz auf einer Computer-Karte an der Ecke Am Mühlrain/Am Niederfeld gesetzt. Der Rechner habe dann automatisch als Adresse „Am Mühlrain 1“ übernommen. Dieses Haus befindet sich aber an der Kreuzung Am Mühlrain/Mühlenstraße/Wiesenweg, die in allen Akten als Tatort vermerkt ist.

Die Zeugen berichteten bislang immer von jener Kreuzung, also Am Mühlrain/Mühlenstraße/Wiesenweg. Diese Version bestätigte gestern ein 19-Jähriger. Er war damals von dem Angeklagten zu Fuß verfolgt worden und entkommen. Er war schon einmal als Zeuge gehört worden und blieb gestern bei seiner Aussage: Er sei über die Wiesenstraße geflüchtet, „hundertprozentig.“

Dabei bezog er sich auch auf das Sägewerk, dass sich an der Kreuzung befindet. Auf Nachfrage von Richterin Hülshorst, ob die Flucht über die Straße Am Niederfeld geführt haben könnte, verneinte der Zeuge: „Das kann nicht sein.“ Anhand von Plänen und Luftbildern zeigte der 19-Jährige immer wieder auf die gleichen Stellen und widersprach damit dem Angeklagten.

Heinrich Göbel, Pflichtverteidiger des Angeklagten, legte zwei neue Beweisanträge vor. So soll ein Ausdruck der Computerskizze des Polizeiberichts belegen, dass sein Mandant als Tatort wirklich die Kreuzung Am Mühlrain/Am Niederfeld gesetzt hatte.

Aus Göbels Sicht ist das „bedeutsam für die Glaubwürdigkeit sämtlicher Zeugen“. Er vermutet, dass die Zeugen nur durch die Zeitungsberichte der ersten Verhandlungstage auf die andere Kreuzung gestoßen seien. Dabei verwies er auch auf den FZ-Artikel vom vorangegannen Prozesstag, wo irrtümlich die falsche Kreuzung genannt, in einem weiteren Bericht jedoch korrigiert worden war. „Das führte zu Verfälschungen“, glaubt Göbel.

Außerdem vermutet der Anwalt, dass ein weiteres Einsatzfahrzeug der Polizei vor Ort war und möglicherweise von den Zeugen an der ersten Kreuzung – also an der, wo der Angeklagte nicht gewesen sein will – gesehen worden war. EinIndiz dafür aus Sicht von Verteidiger Göbel: Zwei Zeugen hätten Blaulicht gesehen, der Angeklagte und sein Kollege hätten dieses aber nicht eingeschaltet.

Richterin Andrea Hülshorst kündigte an, möglicherweise auch den Leiter der Polizeidienststelle, Otmar Vöpel, zum dienstlichen Verhalten desAangeklagten befragen zu wollen. Die Verhandlung wird am 10. April fortgesetzt. (da)

Kommentare