Komfort für Milchvieh

Ein Wellness-Hof für glückliche Kühe

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Mary Ann, Enkelin von Michigan

Frankenau-Ellershausen - Im Kaffee, zum Müsli oder pur: Für viele Deutsche gehört die Milch zum Frühstück dazu. 54 Liter trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Die Kühe im Altkreis Frankenberg könnten alleine rund 740000 Menschen versorgen. Vor 15 Jahren reichte die Milch nicht für so viele Menschen - durch Wellness für Kühe hat sich deren Leistung verbessert.

Mary Ann fühlt sich sichtlich wohl, während sie ihren Rücken von einer elektrischen gelben Bürste schubbern lässt. Nach ein paar Minuten wohliger Massage trottet die Kuh weiter durch den großzügigen Stall, um es sich auf dem Einstreu auf ihrem Liegeplatz gemütlich zu machen. Drei Mal am Tag kümmern sich die Menschen um sie herum darum, dass das Streu frisch aufgeschüttet ist und sie bequem liegen kann. „Das gehört zum Kuh-Comfort“, sagt Janik Garthe-Metz, der lächelnd die Kühe beobachtet.

Der 22-Jährige arbeitet im Milchvieh- und Zuchtbetrieb seiner Eltern mit, hat in diesem Jahr den Agrartechniker gemacht und will den Familienbetrieb weiterführen. „So lange ich denken kann und länger will ich hier arbeiten“, sagt er. „Der Umgang mit den Kühen macht mir einfach Spaß.“ Außerdem sei ein Landwirt sein eigener Chef, könne sich seine Arbeit selbst einteilen.

Damit es den Tieren in Ellershausen möglichst gut geht, genießen diese jede Menge Luxus: Neben der elektrischen Bürste können die Kühe sich im Sommer unter Duschen abkühlen, riesige Ventilatoren sorgen für angenehme Luft bei heißen Temperaturen und in großen Tränken dürfen die Kühe Wasser aus dem Vollen schöpfen. Was die Kühe der Familie noch haben: Jede Menge Platz. „Der Stall ist für mehr Kühe konzipiert. Wir belegen ihn aber nicht voll. Unsere Kühe können sich in breiten Gängen frei bewegen.“

Eine Unterbelegung ist laut Garthe-Metz zwar teuer – rentiert sich aber auch: „Wenn die Kühe sich wohl fühlen, dann stimmt die Leistung.“ Die Leistung auf dem Hof in Ellershausen stimmt jedenfalls: Im Durchschnitt liefert dort jede Kuh rund 11600 Liter Milch im Jahr – und könnte damit 215 Menschen mit der Milch für den Frühstückstisch versorgen. Das liegt laut Matthias Eckel vom Kreisbauernverband deutlich über der durchschnittlichen Leistung von rund 9000 Litern pro Kuh im Altkreis. „Dieser Spitzenwert kommt nicht von ungefähr.“

Eckel erklärt, dass sich die Milchleistung der Kühe in den vergangenen 15 Jahren deutlich erhöht habe: Damals lebten 4000 Kühe im Altkreis, die jeweils rund 6500 Liter Milch gaben. Heute sind die Kühe nicht weniger geworden – deren Leistung hat sich jedoch enorm erhöht. Jede Kuh gibt im nordhessischen Schnitt mittlerweile mehr als 9000 Liter im Jahr. Im gesamten Altkreis werden so laut Eckel fast 40 Millionen Liter Milch produziert. Damit können allein die Kühe aus dem Altkreis rund 740000 Menschen die Milch für den Frühstückstisch sichern. Im gesamten Landkreis leben rund 155000 Menschen.

Die Gründe für die starke Leistung liegen laut dem Vorsitzenden des Kreisbauernverbands an Landwirten, wie Janik Garthe-Metz und seinen Eltern: „Den Kühen geht es heute besser als früher. Sie leben in großen Boxen und bewegen sich frei“, erklärt Eckel. „Die verbesserte Leistung ist ein Zeugnis dafür, dass die Haltung sich verbessert hat. Denn die Milch kann man Kühen nicht abpressen, die geben sie freiwillig.“

Der Kuh-Comfort, wie auf dem Hof in Ellershausen, spielt daher eine immer größere Rolle. Neben der Haltung spiele laut Eckel natürlich auch die Zucht eine Rolle bei der Verbesserung der Leistung. Am Futter liegt es jedenfalls nicht – da werde heute, genau wie vor 15 Jahren, hauptsächlich Heu, Mais- und Grassilage sowie Getreide gefüttert. Nur Raps- und Sojaschrot kaufen einige Landwirte als Kraftfutter zu. Das restliche Futter ernten die meisten von den eigenen Feldern.

Familie Garthe-Metz sorgt nicht nur wegen der verbesserten Leistung dafür, dass die Kühe sich wohl fühlen – die ganze Familie ist mit Herzblut bei der Arbeit rund um die Kühe dabei.

So gibt es in Ellershausen auch eine Kuh, die zwar seit sechs Jahren keine Milch mehr gibt, aber dennoch nicht auf die Schlachtbank geführt wird: „Wir haben Michigan 2001 auf einer Eliteauktion in Oldenburg gekauft“, erzählt Janik Garthe-Metz. Nach drei Kälbern sei Schluss gewesen, auch wenn die Familie alles versucht habe. „Heute ist sie nur noch zum Knuddeln da.“ Die zutrauliche Michigan liegt oft vor dem großen Stall auf der Weide und beobachtet mit von sich gestreckten Beinen, was vor sich geht.

Auf dem Hof in Ellershausen leben rund 70 Kühe. Die Familie züchtet Kühe nicht nur für den eigenen Stall, sondern verkauft oft Kälbchen weiter an andere Milchviehbauern. Die werden jedoch immer weniger. Eckel berichtet, dass es vor 15 Jahren noch 155 Erzeuger im Altkreis gegeben habe. Heute seien es noch 109. „Interessanterweise ist aber die Anzahl an Kühen mit 4000 gleich geblieben.“ Die verbleibenden Betriebe würden oft größer, während kleine Betriebe oft ganz aufgegeben werden. „Die Milchviehhaltung passt als Nebenerwerb nicht mehr zum Berufsleben“, erklärt Eckel. Denn die Haltung von Tieren sei zeitintensiv: Mehrmals am Tag füttern und melken ließe sich oft nicht mit dem Job vereinbaren. Große Betriebe hingegen könnten heute leicht größer werden, weil viele technische Neuerungen die Arbeit erleichtern.

Mit moderner Technik arbeitet auch Janik Garthe-Metz gerne. Er hat eine Kamera im Kuhstall installiert. Mit seinem Smartphone kann er vom Sofa aus in den Stall schauen. „Das ist praktisch, wenn eine Kuh kurz vor dem Kalben steht“, erklärt er. Dann muss er nicht in der Nacht alle zwei Stunden aufstehen und die rund 200 Meter zum Stall laufen, sondern kann auf dem Display sehen, ob es losgeht und ob seine Kuh Hilfe benötigt.

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