Ausnahme-Geigerin Midori Goto begeistert mit Pianist Özgur Aydin

Ein Weltstar in der Liebfrauenkirche

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Frankenberg - Auf den großen Bühnen der Welt ist Midori Goto zuhause: Carnegie Hall in New York, Phoenix Hall in Osaka, Royal Albert Hall in London, Liebfrauenkirche in Frankenberg. Moment mal. Frankenberg? Ja, Midori ist ein Weltstar und gastierte, gerade aus Japan zurückgekehrt, mit dem Pianisten Özgür Aydin am Donnerstag im größten „Konzerthaus“ Frankenbergs.

Kurz vor dem großen Finale des Kultursommers Nordhessen, bei dem in den vergangenen Wochen in 60 Orten vielseitige Veranstaltungen geboten wurden, gastierte mit Midori eine der ganz großen Geigerinnen dieser Zeit in Frankenberg - ein musikalischer Leckerbissen zum Abschluss der Kulturreihe.

Interessant war die Auswahl der Stücke des Konzertabends. Midori und Aydin spielten zwei frühe Beethoven-Sonaten, die eher filigran sind und somit Midoris Typ entsprechen. Beethoven wurde erst durch seine späteren großen, wuchtigen Werke bekannt, die wie die frühen Kompositionen einer formalen Struktur entsprechen. Dem gegenüber standen zwei strukturell komplett gegensätzliche Werke, jedes für sich bot seinen eigenen kleinen Kosmos.

Eine tiefe Ergriffenheit

Leoš Janácek komponierte etwa 100 Jahre nach Beethoven eine Violin-Sonate, die durch ihre Form etwas ausdrücken, etwas Außermusikalisches darstellen wollte: menschliche Emotionen und Ereignisse in der Zeit des ersten Weltkrieges. „Mal sind die vermittelten Emotionen rau, haarsträubend und erschreckend, dann wieder tragisch, sanft und bedrückend“, erklärt Midori. Das Stück erinnerte in Teilen an eine Rhapsodie, also an ein Instrumentalwerk, dass an keine bestimmte musikalische Form gebunden ist und unzusammenhängende Figuren, Ideen und Themen lose verbindet.

Auf die Zuhörer übertrug sich eine tiefe Ergriffenheit und eine große Spannung, als der letzte Ton am höchsten Punkt des Steges schwebte. Dieses höchst anspruchsvolle Werk bot einen schönen Kontrast zur davor gehörten A-Dur Sonate Nr. 6 von Beethoven. Violine und Flügel standen im musikalischen Dialog, Beethoven hat beiden Instrumenten eine gleichwertige Rolle zugewiesen, die Midori und Aydin zart und völlig unaufgeregt spielten. Auffällig ist, wie wunderbar die beiden Künstler harmonieren, wie sie aufeinander eingespielt sind. Das Publikum kostete jeden Moment der intensiven Schönheit der Musik aus.

Ein wunderbarer Kontrast

Auch die A-Dur Sonate Nr. 2 von Beethoven besticht durch seine musikalische Leichtigkeit und seinen freudvollen Charakter. Die ausgezeichnete Akustik in der Liebfrauenkirche, ein herrlicher Kwai-Flügel, die Perfektion Midoris und Aydins und die Schlichtheit der Musik ließen den Zuhörer an diesem Abend nichts vermissen.

Einen wunderbaren Kontrast dazu bot das „Poème Mystique“ von Ernest Bloch. Diese äußerst selten gespielte sehr anspruchsvolle zweite Violinsonate des Komponisten besteht aus lediglich einem Satz, der dem Geiger höchste technische Voraussetzungen abverlangt: Er mutet so scheinbar mühelos und entspannt an, doch geht es hier nicht um Form, sondern vielmehr um Programm. In diesem fantasievollen Werk ist alles im Fluss, es entsteht ein nicht enden wollendes Gefühl von Hoffnung und Leidenschaft, ein Klanggefühl voller Bilder und Farben. Midori muss hier über das gesamte Stück die Spannung halten, was das hohe musikalische Niveau ausmacht.

Pianist ersetzt Orchester

Darüber hinaus ist das Klavier nicht nur Begleiter, sondern gleichwertiger Partner. Aydin ersetzte am Donnerstag sehr klangvoll einen ganzen Orchesterpart, aber auch das schien ihm mühelos zu gelingen. Überhaupt besticht Aydin durch sein gefühlvolles, differenziertes, weiches und doch kraftvolles Spiel. Die erzeugten Emotionen steigerten sich ins Atemlose, bis die Zuhörer sich nach einem ansteigenden Finale zufrieden und beruhigt zurücklehnen konnten. Die Liebfrauenkirche war nicht ausverkauft, aber voller Emotionen, viele Fans von Midori waren weit gefahren und konnten im Anschluss an eine Zugabe persönlich mit der Künstlerin sprechen, bekamen Autogramme und ließen sich ein Buch signieren. Die Nähe zum Publikum macht die Frau besonders sympathisch.

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