Klimaforscher in Frankenberg

"Wir haben kein Erkenntnisproblem"

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Stolzer Neueigentümer einer Stracken Roten: Referant Mojib Latif (Mitte) mit Dieter Olsen (links) und Ralf Schmitt (rechts) vom Vorstand der Frankenberger Bank.Fotos: Malte Glotz

Frankenberg - Er wirft mit Zahlen, Fakten und Statistiken um sich, aber er macht es charmant und vor allem: verständlich. Auf Einladung der Frankenberger Bank hat der Klimaforscher Mojib Latif am Donnerstag in der Ederberglandhalle seine Erkenntnisse zum Klimawandel präsentiert.

Wer Professor Mojib Latif zuhört, aus den Medien bekannter Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozean-forschung in Kiel, dem kann etwas bange werden. „Wir haben kein Erkenntnisproblem“, sagt er etwa, während im Hintergrund eine Simulation läuft, die die Erderwärmung bis ins Jahr 2100 zeigt, „wir haben ein Umsetzungsproblem“. Zum Beweis zeigt der Professor Berechnungen seines schwedischen Kollegen Svante Arrhenius, die eine deutliche Erwärmung der Bodentemperatur bei steigendem Kohlendioxid-Gehalt in der Luft zeigen - sie stammen aus dem Jahr 1896.

„Wir wissen seit mehr als 100 Jahren, was auf uns zukommt“, sagt Latif und es liegt ein wenig Resignation in der Stimme, denn: „Geändert haben wir unsere Lebensweise nicht“. Er verweist auf den Bericht des „Club of Rome“ von 1972, der eine rapide und insbesondere abrupte Verschlechterung der Lebensbedingungen und des Wohlstands prognostiziert. „Es wird wohl nicht ganz so schnell geschehen, aber wenn wir unser Verhalten nicht ändern, wird es geschehen“, prognostiziert der Professor. Die Veränderungen würden ganz besonders die Entwicklungsländer treffen, aber eben auch Industrienationen wie Deutschland.

Eine weitere beunruhigende Nachricht versteckte sich in einer weiteren Grafik des Professors. Er nannte es „ein Gedankenspiel von uns Wissenschaftlern“: Selbst wenn ab sofort kein Kohlendioxid mehr ausgestoßen würde, stiegen die Temperaturen weiter an. „Das Klima ist träge, genau wie ein Auto. Wenn Sie auf das Gas treten, dann werden sie auch langsam schneller. Aber wenn Sie runter gehen, hält der Wagen auch nicht sofort an“, erklärte er und fügte hinzu: „Wir haben Vollgas gegeben.“

Zumindest den Europäern erteilte der Klimaforscher so etwas wie ein Quäntchen Absolution: Während seit 1990 der globale Ausstoß von Kohlendioxid um 46 Prozent gestiegen sei, sei er in Europe um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. „Aber das nützt nichts“, fügte er hinzu, denn besonders in den USA herrsche kein Bewusstsein für diese Problematik. Zudem würden die Vereinigten Staaten eine neue Strategie fahren: Seit China seit 2005 mehr Kohlendioxid ausstößt, als die USA, würden diese in Klimaverhandlungen darauf bestehen, dass erst das Reich der Mitte Zugeständnisse mache, bevor auch sie mit einer Reduktion ihres Ausstoßes einverstanden wären. Die Entwicklungsländer und China hingegen sähen die Industriestaaten in der Pflicht. So kritisierte Mojib Latif dann auch internationale Klimakonferenzen: „Tausende Delegierte bringen da nichts zustande.“

Seine Lösung lautete - wenig verwunderlich - erneuerbare Energien. „Unsere Art der Energieerzeugung entspricht der der Steinzeit: wir verbrennen etwas“, erklärte er die heutige Art der Stromgewinnung und der Automobilität. Durch Solarstrom, Windenergie und Wasserkraft würde sich das ändern. Ebenso wichtig sei aber auch, Energie zu sparen. Der in Deutschland eingeschlagene Weg sei der richtige: „Wir sollten nicht anfangen, an der Energiewende zu rütteln“, appellierte Latif an die Zuhörer.

Es folgte eine kurze, aber intensive Diskussion mit dem Publikum. Im Anschluss erhielt Latif als Dank von den Vorstandmitgliedern der Bank, Dieter Ohlsen und Ralf Schmitt, eine Stracke Rote, die er amüsiert und erfreut entgegen nahm. Den Abend eröffnet hatten „Die mit den roten Fliegen“ unter der Leitung von Hans-Werner Bremmer, die amüsante, aber auch nachdenkliche Stücke von den Wise Guys bis zu den Comedian Harmonists vortrugen.

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