Aus den im April 2013 freigelassenen acht Wisenten sind mittlerweile 22 geworden

Wisente vor Gericht: Waldbauern klagen gegen freilaufende Herde

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Ur-Rinder: Wisente wie diese wurden vor dreieinhalb Jahren im Wittgensteiner Land ausgewildert. 

Bad Berleburg. Im Rothaargebirge bei Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen) leben seit drei Jahren wieder Wisente.

Nun müssen Gerichte entscheiden, ob die Tiere sich frei bewegen dürfen. Waldbesitzer wollen die Ur-Rinder aus ihren Buchenwäldern verbannen.

Die Wiederauswilderung der Wisent-Herde im Rothaargebirge stellt die Justiz vor schwierige Rechtsfragen. Es handele sich um „eine wirklich komplizierte Rechtslage“, bei der Zivilrecht und öffentliches Recht verwoben seien, sagte der Vorsitzende Richter des Zivilsenats des Oberlandesgerichts Hamm in der mündlichen Verhandlung. „Das ist für alle Beteiligten ein dornenreicher Weg, bis man dann Klarheit hat.“

Der Senat will am 3. November entweder ein Urteil oder den weiteren Fahrplan für das Verfahren verkünden.

Klagen von Waldbauern

Vor dem Oberlandesgericht in Hamm werden die Klagen von zwei Waldbauern aus dem Sauerland verhandelt. Sie wollen, dass die Wisente nicht mehr durch ihre Wälder streifen dürfen, weil sie die Rinden ihrer Buchen abschälen. Die beiden Vorinstanzen hatten den Waldbauern Recht gegeben und ein Waldbetretungsverbot für die Wisente ausgesprochen. Dagegen hat der Trägerverein des Artenschutzprojekts Berufung eingelegt.

Vom Aussterben bedroht

Wisent oder Buche - was ist schützenswerter? Diese Frage müssen die Richter klären. Während die Ur-Rinder vom Aussterben bedroht sind, sind aber auch die Buchenwälder auf den Höhen des Rothaar-Kammes geschützt. Das Gericht machte deutlich, dass es bei der Beantwortung der Frage, ob die Kläger das Schälen der Bäume auf ihren Grundstücken durch die Wisente dulden müssen, viele Aspekte zu berücksichtigen gebe. So müsse man sich mit öffentlich-rechtlichen Belangen des Artenschutzes befassen, obwohl es um einen Zivilstreit geht.

Wild und herrenlos

Kläger Georg Feldmann-Schütte, der schon in zwei Instanzen ein Waldbetretungsverbot für Wisente für seine 17 Hektar Buchenwald erstritten hatte, zeigte sich im Anschluss an die Verhandlung frustriert: Er sei vermutlich zu Beginn zu geduldig gewesen und die Zeit spiele für die Wisente. Denn das Gericht geht davon aus, dass die Wisente mittlerweile „wild“ und „herrenlos“ sind, machte der Vorsitzende Richter deutlich. „Die machen offenbar nicht das, was sie sollen. Deshalb sitzen wir ja hier“, sagte er.

Aus den im April 2013 freigelassenen acht Wisenten sind mittlerweile 22 geworden. 18 streifen als Herde durch die Wälder. Zwei Mal zwei Jungbullen haben sich auf der Suche nach einer Partnerin abgesetzt. All das spricht aus Sicht des Gerichts für die Wildtier-Eigenschaft.

Warten auf das Urteil

Eigentlich sollten die Verantwortlichen des Auswilderungsprojekts irgendwann die Tiere als „herrenlos“ erklären. Doch derzeit unternimmt niemand etwas in dieser Richtung. „Alle warten auf Hamm“, hieß es mehrfach in der Verhandlung. Denn sollten die Waldbauern auch in dieser gerichtlichen Instanz gewinnen, wäre es schwer, die Tiere offiziell zu Wildtieren zu machen. Sollte das Oberlandesgericht hingegen die Urteile der ersten beiden Instanzen kippen, dürfte die offizielle Feststellung der Herrenlosigkeit der neuen Wildtier-Art in Nordrhein-Westfalen nur noch eine Formalie sein. (dpa)

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Quelle: HNA

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