Bad Berleburg

Wisente sollen ausgewildert werden - Bulle Egnar büxt sofort aus

- Bad Berleburg (cv).Am Rothaarsteig wurde am Mittwoch eine Gruppe von Wisenten, den größten Landsäugetieren Europas, in ein 80 Hektar großes Auswil­derungsgehege überführt. Zum Auftakt gab es eine Panne: Der Bulle Egnar büxte aus.

„Der Wisent kehrt zurück” – dieses Motto traf voll und ganz auf den dreieinhalbjährigen Bullen Egnar zu, der nach einer unvorhergesehenen, aber kurzen Flucht, narkotisiert ins Gehege zurückgebracht wurde. Für einen Moment herrschte helle Aufregung unter den 200 Gästen, als der Bulle offenbar problemlos den Zaun durchbrach. Dabei waren die ersten Schritte von insgesamt neun Wisenten auf Wittgensteiner Boden profesionell vorbereitet worden.

„Im Vordergrund”, so betonte Forstdirektor Johannes Röhl immer wieder, „steht das Artenschutzprojekt. Die Tiere sind sehr sensibel. Die Reise war stressig für sie und ich hoffe, dass sie sich gleich friedlich äsend den Fotografen von ihrer schönsten Seite zeigen.”

Das war allerdings noch eine Stunde, bevor unter den Augen von 70 Medienvertretern und rund 130 geladenen Gästen das Unvorhergesehene passierte. Egnar, er verließ seinen Hänger exakt um 14.21 Uhr, dachte keineswegs an friedliches Äsen. Er entleerte mehrmals seine Blase, um sein neues Zuhause zu markieren, galoppierte am Zaun rauf und runter und dann – ja dann hatte er wohl bemerkt, dass kurzzeitig der Strom in den daumendicken Drahtseilen abgeschaltet war.

Mit einem Satz war der Bulle aus dem kleinen Futtergehe verschwunden und kurze Zeit später hatte er auch die Umzäunung des 88 Hektar großen Einwilderungsgehege hinter sich gelassen. „Ist doch super!”, reagierte später der anfangs doch ein wenig nervös gewordene Prinz Richard. „Jetzt können Sie schreiben: Egnar ist der erste Wisent in freier Wildbahn”, sagte der Ideengeber des Projektes. Die Freiheit dauerte allerdings nicht lange.

Nachdem Plan A (alles läuft wie erwartet) und Plan B (ein ausgebrochenes Tier kommt höchstens bis an den nächsten Zaun) von Egnar komplett durchkreuzt worden war, zog nun Plan C: Berufsjäger Patrick Bahr und Kreisveterinär Dr. Wilhelm Pelger sprinteten zum bereitstehenden Auto und folgten dem Koloss, dessen Spur sich über den Rammelsberg in eine Dickung in der Litzige verfolgen ließ. Dort ruhte sich der Wisent dann seelenruhig auf einem Wiesenstück aus – bis er erneut betäubt wurde.

Die Flucht, so wussten Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers als Schirmherr, Landrat Paul Breuer und Bürgermeister Bernd Fuhrmann sogleich den Medienvertretern zu berichten, sei ein deutliches Signal dafür, dass die Wisente vor Menschen davonlaufen und sie niemals angreifen würden. „Egnar wollte mehr sehen, als von uns geplant”, scherzte Johannes Röhl und Prinzessin Benedikte, fand „das alles ganz spannend. Der hat erst am Gatter geschnüffelt, wollte offensichtlich weiter, dann war er durch”, hatte sie beobachtet. Genau wie ihr Mann: Der brüllte nämlich plötzlich von aus seiner erhöhten Loge: „Der ist unten raus!”

Wisent-Wärter Jochen Born reagierte sofort. Er schloss die Klappe am Anhänger, aus dem im selben Moment zwei weitere Bullen, Horno aus Neumünster und „WA 57” aus Rostock, in ein benachbartes Gehege laufen sollten. Genau aus diesem Grund war kurzfristig der Strom abgestellt gewesen. Zwar dumm gelaufen, aber die minimale Hektik wich schnell der Besonnenheit.

Gleichwohl entschlossenen sich die Verantwortlichen, die weiteren Freilassungen der restlichen sechs Tiere am Nachmittag ohne Zuschauer durchzuführen. Einige Schaulustige wurden zwar noch vom Schloss bis ans Forsthaus Homrighausen gefahren, aber dort gab es keine Wisente, nur belegte Brote und Kartoffelsuppe, die die Medienvertreter übrig gelassen hatten.

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