Nach vier Jahren auf der Walz

Wissen und Können als Tischler vertieft

Frankenberg - „Loszugehen war ja schon schwer, aber zurückzukommen noch viel schwerer“, sagt Daniel Erdmann. Der 25-Jährige ist nach vier Jahren auf der Walz nun wieder zu Hause in Frankenberg.

„Mehr oder weniger“ ist er wieder angekommen, sagt Daniel Erdmann. Deshalb ist er froh, dass ihn sein kurzfristig gefundener Job erst einmal auf Montage nach Amsterdam bringen wird. „Das ist dann noch ein bisschen wie auf der Walz, nur ohne Kluft“, hofft er, „ich will langsam ankommen“. Der Wechsel vom stetigen Umherziehen und dem Leben auf der Straße hin zum festen Wohnsitz und geregelten Alltag falle ihm schwer und werde noch einige Zeit dauern.

Die ersten Tage nach seiner Ankunft verbrachte er noch mit einigen Reisekameraden. Sie hatten ihn auf traditionelle Weise nach Hause begleitet und ihn über das Ortsschild gehoben (FZ berichtete) - so hatte seine Walz vor fast vier Jahren auch angefangen.

Erst nachdem er seine Gefährten verabschiedet hatte, begann seine eigentliche Heimkehr. Damit verbunden waren ganz profane Aufgaben: ein Handy und neue T-Shirts kaufen und das Auto anmelden zum Beispiel. Die meiste Zeit habe er mit seinen alten Freunden verbracht, die er teilweise vier Jahre lang nicht gesehen hatte. Nur per E-Mail hatte er Kontakt zu ihnen.

Nachts auf der Parkbank

Von Anfang an schloss sich Daniel Erdmann anderen Handwerkern auf der Walz an. Ein Geselle hatte ihn abgeholt und ihm zwei Tage vor dem Start noch wichtige Tipps gegeben. Sicherheit brachte ihm auch die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, dem „Roland-Schacht“, die er sich zuvor ausgesucht hatte. Trotzdem: „Als ich losgegangen bin, war ich auf nichts vorbereitet“, erinnert er sich. Und zumindest für bestimmte Fragen blieb das auch so: „Oft weiß man morgens noch nicht, wo man abends schläft“, erzählt Daniel Erdmann. Von der Parkbank bis zur Jugendherberge habe er überall übernachtet. Mal war es ein freundlicher Student aus einer Kneipe, der ihn aufnahm, mal das „EC-Hotel“ - also der Vorraum von Banken, in denen sich Geldautomaten befinden. Diese kleinen, trockenen und beheizten Räume waren oft die letzte Zuflucht für die Gesellen, wenn sie keine Arbeit und kein Geld hatten.

Vogelfrei sei er gewesen, sagt der 25-jährige Tischler, und das sei Fluch und Segen zugleich. „Man hat einfach zu viele Möglichkeiten.“ Die Freiheit, jederzeit gehen zu können, wohin man wolle, bedeute nämlich auch, dass er Pläne schnell über den Haufen geworfen habe - weil das Geld fehlte oder ein Reisekamerad, der mitkommt, oder weil sich spontan etwas anderes ergab. „Manchmal hat es sich angefühlt, als ob ich gestern losgegangen bin, heute Bergfest ist und morgen schon alles vorbei“, berichtet der 25-Jährige.

Die meiste Zeit verbrachte er in Deutschland und der Schweiz. Seine Reisen führten ihn von Fehmarn bis zum Allgäu, von Bielefeld bis Stuttgart, von Hamburg bis Duisburg. Aber auch in Schaffhausen, Basel und Luzern lebte und arbeitete er kurzzeitig. Seine entlegensten Ziele waren Irland und der US-Staat Florida.

Während andere die Walz - auch „Tippelei“ genannt - nutzen, um die Welt zu entdecken, habe für ihn das Handwerk im Fokus gestanden: „Das Reisen war ein positiver Nebeneffekt“, sagt der Frankenberger. „In Irland und Florida kann man handwerklich nicht so viel lernen“, sagt er - deshalb waren diese Stationen eher Urlaub. Der in Florida endete allerdings früher als geplant, weil Erdmann sein Budget für eine ärztliche Behandlung im Krankenhaus ausgeben musste: „Ich war auf eine giftige Qualle getreten. Erst brannte es nur, dann sind Arme, Beine und mein Hals angeschwollen“, erzählt er.

„Niveau eines 35-Jährigen“

Für sein handwerkliches Können habe ihm die Tippelei in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland viel gebracht. „Ich habe in vier Jahren gelernt, was hier in zehn Jahren nicht möglich wäre“, sagt Erdmann: An jeder Station seiner Reise habe er verschiedene Arbeitsweisen und Techniken kennengelernt, diverse Eigenbauten, Hilfsmittel und Abläufe. Von jedem könne er sich nun das Beste aussuchen und wie ein Puzzle zusammensetzen. Durch die Zeit auf der Walz sei er auch reifer geworden, sagt Erdmann. „Ein Jahr Tippelei entspricht etwa drei Jahren zu Hause. Ich fühle mich auf dem geistigen Niveau eines 30- oder 35-Jährigen, obwohl ich erst 25 bin.“Außerdem habe er Freunde gefunden, mit denen er sich auch in 50 Jahren noch auf ein Bier zusammensitzen sieht. „Wir haben viel durchgemacht, was zusammenschweißt“, sagt er. Auf seinen Reisen habe er zwar „viele schöne Ecken“ kennengelernt. „Aber zu Hause ist es doch am Schönsten“, sagt er. Sein langfristiges Ziel ist es, sich mit einer Werkstatt selbstständig zu machen. Vorher muss er sich aber wieder an einen festen Rhythmus gewöhnen - den braucht er, wenn er ab August die Meisterschule besucht.

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