Seit mehr als 15 Jahren vereinbart Viessmann an wirtschaftliche Situation angepasste Arbeitszeitmode

Wochenarbeitszeit beträgt 37,5 Stunden

Allendorf (Eder) - Die Gesellschaft wird immer älter, der Nachwuchs immer knapper, längere Lebensarbeitszeiten sind die Folge: Mit einem neuen Arbeitszeitmodell will Viessmann ab 2013 auf die demografische Entwicklung reagieren. Geplant sind Modelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Wir haben uns entschlossen, diesen Herausforderungen mit einem neuen, flexiblen Arbeitszeitmodell zu begegnen, das Ihren individuellen Bedürfnisse sehr entgegenkommt“, schreibt Dr. Martin Viessmann in dem Brief, der den Mitarbeitern des 1917 gegründeten Familienunternehmens am Wochenende zugestellt wurde. Nach WLZ-FZ-Informationen informierte Verwaltungsratsmitglied Klaus Gantner auch gestern bei einer Betriebsversammlung über das neue Arbeitszeitmodell, das eine einheitliche Basis von 37,5 Wochenstunden vorsieht.

Offiziell äußern wollte sich der Allendorfer Heiztechnikhersteller auf Anfrage unserer Zeitung nicht zu dem Schreiben. Jörg Schmidt aus der Unternehmenskommunikation begründete dies mit den in den nächsten Wochen noch zu klärenden Details des Modells.

Das neue Konzept sieht für Mitarbeiter der Viessmann-internen Lohngruppen V01 bis V11 ab Januar 2013 eine einheitliche Basisarbeitszeit von 37,5 Wochenstunden bei unveränderten Bezügen vor. Für Mitarbeiter dieser Gruppen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, werde die 35-Stunden-Woche eingeführt, schreibt der geschäftsführende Gesellschafter. Keine Aussage getroffen wird über die Auswirkungen des Konzepts auf die Mitarbeiter, die „außertariflich“ bezahlt werden.

Die aktuellen Lohngruppen orientieren sich am Tarifvertrag, aus dem Arbeitgeberverband ist das Unternehmen ausgetreten. Derzeit gibt es bei Viessmann eine Vielzahl an Vertragsmodellen: In den vergangenen Jahren wurden überwiegend Verträge mit Wochenarbeitszeiten von 40 Stunden geschlossen, ältere Verträge sehen aber auch noch 35 Wochenstunden vor.

„Erhebliche Mehrkosten“

Dr. Martin Viessmann kündigt in dem Brief weiter an, Möglichkeiten zu schaffen, „von der Basisarbeitszeit nach Absprache mit dem Vorgesetzten und unter Berücksichtigung der betrieblichen Belange für festgelegte Zeiträume nach oben oder unten abzuweichen. Damit wollen wir Ihnen die Anpassung Ihrer Arbeitszeit an Ihre persönliche Lebenssituation erleichtern und zum Beispiel Ihre Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, zur Pflege von Angehörigen oder auch zur Altersvorsorge zu verbessern“. Entsprechende Instrumente, die eine größere Flexibilität für die individuelle Vereinbarung von Arbeitszeiten schaffen, würden ausgearbeitet und sollen im Laufe des nächsten Jahres angeboten werden.

Der Vorsitzende des Verwaltungsrats stellt klar: „Die Neuregelung ist mit erheblichen Mehrkosten verbunden.“ Diese würden allerdings als Investition in die Attraktivität der Arbeitsplätze und damit in das Engagement der Mitarbeiter für das Unternehmen betrachtet. Viessmann kündigt an, rechtzeitig auf die Mitarbeiter zuzugehen, um „konkrete vertragliche Ausgestaltungen“ zu treffen.

Der Wettbewerbssituation angepasste Arbeitszeitmodelle haben beim Heiztechnikhersteller Tradition. Mitte der 1990er-Jahre sorgte das „Bündnis für Arbeit“ für Schlagzeilen. Rückblick: Nicht am Stammsitz in Allendorf, sondern in Mýto in Tschechien sollten wandhängende Gasthermen produziert werden. Die Wettbewerbsbedingungen würden eine Produktion in Deutschland nicht zulassen, argumentierte Viessmann damals. In Tschechien könnten jährlich 20 Millionen Mark gespart werden.

Betriebsratsvorsitzender Helmut Japes stellte sich den Plänen entgegen, indem er nicht auf Konfrontation ging, sondern Dr. Martin Viessmann ein Angebot machte: Japes schlug dem geschäftsführenden Gesellschafter vor, dass die damals 3700 Beschäftigten bei gleichem Lohn eine Stunde in der Woche mehr arbeiten, wenn die Pläne für Tschechien zu den Akten gelegt und die Produktion der Gas-Wandgeräte in Allendorf angesiedelt wird.

Bei sämtlichen Verhandlungen blieb die Gewerkschaft IG Metall außen vor: Zur Abstimmung unter der Belegschaft stand am Ende der Vorschlag, drei Stunden in der Woche ohne Lohnausgleich zu arbeiten - der Unternehmenschef sicherte im Gegenzug eine dreijährige Beschäftigungsgarantie bei gleichem Lohn und übertarifliche Zahlungen zu. Mehr als 97 Prozent der Viessmann-Mitarbeiter votierten für die Vereinbarung mit einer Laufzeit vom 1. Mai 1996 bis zum 30. April 1999. Nach mehreren gerichtlichen Auseinandersetzungen einigten sich Viessmann und die IG Metall 1998 darauf, die Wochenarbeitszeit von 38 auf 37 Stunden zu reduzieren.

9600 Mitarbeiter weltweit

Und auch nach Ablauf dieses „Bündnisses für Arbeit“ verständigte sich Viessmann mit seinen Mitarbeitern auf Effizienzprogramme zur Standortsicherung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, die im Sommer 2000 in Kraft traten. Und bei den hausinternen Arbeitszeitmodellen blieb es auch: „Der Standortsicherungsvertragist wie unser betriebliches ,Bündnis für Arbeit‘ Mitte der 90er-Jahre ein gutes Beispiel für die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft zu gestalten. Darin drückt sich eine zentrale Werterhaltung aus, für die das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern steht und die zum Mehrwert der Marke Viessmann beitragen“, hieß es in der Januar-Ausgabe 2005 des Magazins „Viessmann aktuell“. Im Rahmen eines Standortsicherungsvertrages kündigte Viessmann darin an, 70 Millionen Euro in die komplette Neustrukturierung der Produktion und den Ausbau des werkseigenen Flugplatzes zu investieren. „Außerdem garantieren wir die Einkommen der Mitarbeiter in voller Höhe und erhöhen die Ausbildungsquote noch einmal um 20 Prozent.“ Im Gegenzug sagten die Mitarbeiter erneut drei Stunden Mehrarbeit pro Woche ohne Lohnausgleich zu - 99 Prozent der Belegschaft stimmten für dieses Modell.

Aktuell beschäftigt der Hersteller von Heiztechnik-Systemen weltweit rund 9600 Mitarbeiter, der Gruppenumsatz betrug im vergangenen Jahr 1,86 Milliarden Euro - ein Plus von acht Prozent. Für 2012 kalkulierte Viessmann im Frühjahr mit einem Plus von fünf Prozent.

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