Konzept sieht Abriss von Lagerhallen, Sanierung von Gebäuden und Schaffung von Bauplätzen vor

Ein Wohnquartier, das zu Thonet passt

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Frankenberg - Vom Design zur Architektur, unter diesem Titel steht das Entwicklungskonzept für das 30 000 Quadratmeter große Gelände des Thonet-Werks I, das zu einem neuen Frankenberger Stadtbezirk werden soll. Die Thonet-Geschäftsführung stellte gestern mit den Ideengebern der NH-Projektstadt die Pläne vor.

Die von den Geschäftsführern Peter Thonet und Karl-Heinz Gloe sowie den Mitarbeitern der NH-Projektstadt präsentierte Vision dürfte zumindest in der Region einzigartig sein: Statt das Gelände des ehemaligen Thonet-Werks I brach fallen zu lassen oder es zu einem reinen Gewerbegebiet umzugestalten, soll das drei Hektar große Areal über einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren in ein gemischt genutztes modernes „Quartier“ verwandelt werden: mit Platz für bis zu 30 Häuser in einem hochwertigen Wohnumfeld, Flächen für Gewerbetreibende, Industriedenkmälern als Wahrzeichen und einem Design-Zentrum des Möbelherstellers. In der Ideenphase firmiert der Stadtbezirk unter dem Namen „Thonet-Viertel“. Den Planern schwebt ein städtebauliches Konzept vor, das mit der traditionsreichen Firmengeschichte und mit dem Markenbewusstsein eng verbunden ist. Die Leitlinie: kein 08/15, sondern dem Designanspruch von Thonet entsprechend. Denn das war eine der Forderungen, mit denen Thonet an die NH-Projektstadt herangetreten ist: ein Nachnutzungskonzept für das Areal zu finden, das Ableitungen aus dem Produktionsdesign hat.

„Thonet-Herz soll schlagen“

Nach den Vorstellungen der Kasseler Stadtplaner Clemens Exner und Alexander Inden gliedert sich das drei Hektar große Areal künftig in zwei Bereiche: einen „Thonet-Campus“ und ein „Thonet-Viertel“. Der Campus soll das Herzstück des neuen Quartiers bilden: bestehend aus der Thonet-Villa, dem Museum, der Ausstellung, dem Verwaltungsbau sowie dem Kopfbau des Produktionsriegels. „Hier wollen wir das Thonet-Herz schlagen lassen“, erklärt Exner und verweist auf einen Brückenschlag von Geschichte über Produktion bis zu Bildung.

Den in Richtung Werk II parallel zur Bahntrasse liegenden Gebäuden kommt dabei eine dreifache Bedeutung zu. Zum einen eine bauliche: eine optische und räumliche Abschirmung des „Thonet-Viertels“ vom unansehnlichen Bahnhofsgelände. Eine kulturelle: Das lang gezogene Gebäude, in dem früher unter anderem die Holzverarbeitung untergebracht war, vermittelt Industriestrukturen, die es nach Ansicht von Exner wert sind, erhalten zu werden. Ähnlich das Kesselhaus, „das als Landmarke, als Wiedererkennungssymbol, unbedingt stehen gelassen werden sollte“, sagt Exner. Denkbar ist aus seiner Sicht, eine Kletterhalle darin einzurichten. Peter Thonet ist vor allem wichtig, das Industriedenkmal mit seinem 100 Jahre alten Stromaggregat auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dieser Gebäude­reihe kommt in dem Konzept auch eine große­ inhaltliche Bedeutung­ zu. Der ehemalige „Produktionsriegel“­ könnte umgebaut und zu einer Anlaufstelle­ für Designstuden­ten­­entwickelt werden.­ „Es könnten Sommerakademien angeboten­ werden“, so Exner. Ein ­Kooperationsprojekt mit der Bauhausuniversität Weimar ist geplant. Auch neue ­Marketingansätze hält er für denkbar. Schon jetzt öffnet Thonet das Werk für Kunden und zeigt Handwerkskunst: wie die legendären Bugholzstühle per Hand gefertigt werden. „In ­Anknüpfung an das Schaubiegen könnten Kunden mit den Thonet-Mitarbeitern ihre Möbel gemeinsam bauen.

Auch wenn Thonet das lang gezogene Produktionsgebäude nach der Umstrukturierung und der Konzentration der Produktion im Werk II nicht mehr benötigt, erfahren die Flächen zumindest in Teilen schon wieder eine Nutzung. „Aktuell haben wir etwa 50 Prozent vermietet“, erläutert Gloe. Bis Jahresende werde die Quote voraussichtlich steigen. Ein Thonet-Zulieferer aus Italien hat Interesse an Lagerfläche. Und solche Modelle schweben Gloe auch für die künftige Nutzung in besonderem Maße vor. „Kleingewerbe, das Bezug zu Thonet hat.“ Über die Mieteinnahmen könnte auch die Sanierung dieser Gebäudekomplexe finanziert werden, denn der Energieeffizienz soll bei diesem Projekt eine ebenso große Bedeutung zukommen wie der Architektur. Mit den aktuellen Mietern sei das Unternehmen im Gespräch. Niemand müsse Angst haben, Hals über Kopf auf der Straße zu stehen. Im Zuge der Projektrealisierung würden aber sehr wohl einige Gebäude abgerissen, sagt Exner, etwa der von Weitem sichtbare Schornstein oder Lagerhallen.

30 Bauplätze, 120 Menschen

Dem „Thonet-Campus“ kommt in den Plänen auch die Rolle als Pufferzone zu, schließlich soll auf der der Straße abgewandten Seite in Richtung der Adalbert-Stifter-Straße ein Wohnquartier mit unterschiedlichen Wohnformen entstehen. Der Platz reicht laut Planung für rund 30 Grundstücke aus: für Einfamilienhäuser, Reihenhäuser, eventuell auch Mehrfamilienhäuser. Erste Gespräche hat Thonet bereits mit heimischen Fertighausherstellern geführt, aber auch mit der Wohnungsbaugenossenschaft, der die hinter dem „Thonet-Viertel“ liegenden Wohnblocks gehören. Exner und Inden sind davon überzeugt, dass in Frankenberg vor allem Angebote für selbstbestimmtes, aber betreutes Wohnen fehlen. „Kein Pflegeheim, sondern Wohnungen, wobei die Mieter die Möglichkeit haben, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.“

Entscheidung im Jahr 2013

Doch im ersten Schritt haben die Planer an Einfamilienhäusern interessierte Menschen im Blick. „Es gibt hier einen gewissen Bedarf an Wohnungsbauflächen“, sagt Exner und berichtet aus Gesprächen mit Banken und Maklern. Und da politisch ohnehin eine „Innenentwicklung“ statt Neubaugebieten gewollten sei, rechne er mit der Unterstützung der Stadt. Bürgermeister Rüdiger Heß wurde wie auch heimische Makler gestern Vormittag mit dem Projekt vertraut gemacht. Vor allem für junge Familien dürfte das Stadtquartier interessant sein, sagt Exner. Seine Begründung: Die Innenstadt ist nur zehn Gehminuten entfernt, Kindertagesstätten und Schulen sind ebenfalls in wenigen Minuten zu erreichen „und direkt hinter unserem Viertel beginnt ja auch die Natur“, sagt Peter Thonet.

Das Gesamtprojekt soll auf der Immobilienmesse Expo Real in München vorgestellt werden. Doch die Hoffnung, dass ein Investor die gesamte Fläche übernimmt und vermarktet, ist gering: da die Renditeerwartung bei ortsüblichen Mieten von 3,50 Euro bis 5 Euro eher niedrig ist. Der Hauptfokus liegt deshalb auf Menschen, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllen wollen – und das in einem hochwertigen Umfeld. Ein Grundstückspreis von 75 Euro pro Quadratmeter ist ortsüblich.

Aktuell befinde sich das Projekt noch in der Ideenphase, stellt Exner klar. Auch dem Thonet-Beirat soll das Modell „Thonet-Viertel“ noch in diesem Monat vorgestellt werden. Die Zustimmung vorausgesetzt, wird ein konkreteres Vermarktungskonzept erarbeitet. Dazu gehöre auch „die Bildung von praktikablen Bauabschnitten“, denn binnen Monaten sei das Areal nicht zu verkaufen. Sollten sich die ersten zehn, zwölf Interessenten für Grundstücke finden, hält es Groe für denkbar, etwa in einem Dreivierteljahr die endgültige Entscheidung zu treffen, ob die Pläne weiterverfolgt werden. „Vor Mitte nächsten Jahres wird es keinen Startschuss geben“, sagt der Geschäftsführer und meint damit die Bauleitplanung, die von der Stadt organisiert werden müsste.

Umsatzplus in diesem Jahr

Um 20 Prozent auf voraussichtlich 20 Millionen Euro steigert Thonet in diesem Jahr den Umsatz. Das sagte Geschäftsführer Karl-Heinz Gloe am Rande der Vorstellung der Pläne für das „Thonet-Viertel“. Das Traditionsunternehmen beschäftigt aktuell 150 Mitarbeiter, darunter 14 Auszubildende. Eine Neuerung wird es in Kürze auch im Museum geben. Es wird mit der Ausstellung verbunden, sodass Museum und Ausstellung künftig täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet sein werden. Angelegt wird auch ein behindertengerechter Zugang. (rou)

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