Frankenberg

Workshop-Orchester begeistert mit böhmischer Blasmusik

- Frankenberg (da). Böhmische Blasmusik genießt einen hohen Stellenwert – und der legendäre, vor elf Jahren verstorbene Ernst Mosch ist für viele immer noch die Symbolfigur, die mit den „Original Egerländer Musikanten“ diesen Stil wie kein anderer geprägt hat.

Wie er sind viele Egerländer Musiker der ersten Generation schon verstorben. Einer, der viele von ihnen kannte und mit ihnen musiziert hat, ist Freek Mestrini. Der Holländer stieß 1973 als junger Mann zu den Egerländern und hat als erster Flügelhornist vielen Aufnahmen und Konzerten seinen Stempel aufgedrückt.

Wie viel Herzblut er in die Blasmusik steckt und dass er diese Begeisterung auch jungen Instrumentalisten weitergeben kann, zeigte der 64-jährige Mestrini am Samstagabend in der Ederberglandhalle. Zum vierten Mal hatte er einen Workshop geleitet, dessen Ergebnis er und die 30 Musiker – darunter nur zwei Damen – an diesem Wochenende präsentierten – erstmals bei zwei Konzerten: Am Samstag in Frankenberg, am Sonntag in der Battenberger Großsporthalle.

Weitere Premiere: Erstmals hatte Organisator Dr. Detlef Marburger Musiker aus unterschiedlichen Vereinen der Region zur Teilnahme an dem Seminar eingeladen. Sie kamen aus Battenberg, Dodenau, Löhlbach, Frankenberg und von den Wildetaler Musikanten. Mestrini hatte seit Donnerstagabend mit den Instrumentalisten geprobt. Schon lange vorher hatte Detlef Marburger Proben geleitet und das gemischte Orchester zu einer Einheit geformt.

Im FZ-Interview (Ausgabe vom 18. September) hatte Freek Mestrini verraten, dass ihm die urböhmischen Titel besonders am Herzen liegen – sogar mehr als seine eigenen Kompositionen. Diese „Klassiker“ bildeten den Schwerpunkt des Konzerts, das in Frankenberg rund 500 überwiegend ergraute Menschen verfolgten – trotz eines sehr jungen Orchesters findet böhmische Blasmusik unter Senioren ihre größte Anhängerschaft. „Es ist ehrliche Musik, die diesen Stellenwert verdient“, sagte Freek Mestrini.

Mestrini bewegte sich auf der Bühne und blieb nur selten am Notenpult stehen. Er nutzte die ganze Bühne und bezog in seine Gestiken jeden Musikern ein. Und wenn ihm das Gehörte besonders gut gefiel, wippte er nur mit den Hüften. Das übertrug sich auf die Musiker, die locker, aber sehr sauber und dynamisch spielten. „Die gehen so unwahrscheinlich gut mit“, lobte der Meister seine in einheitlichen gelben Hemden spielenden Instrumentalisten.

Mit dem slowakischen Marsch „Textilaku“ eröffnete das Orchester das Konzert. Schon hier setzen die Musiker Dynamik und variable Tempi ein und machte damit den Zwei-Viertel-Takt zu etwas besonderem. Mächtig, aber nicht brachial klangen die Bassläufe, filigran die Holzbläserstellen, dazu weiche Melodien von Tenorhornisten und Flügelhornisten. Es folgten die Polkas „Anna-Polka“ und der „Strohwitwer. Auch hier sind Lautstärkeunterschiede und Tempounterschiede tragende Element, was besonders im sehr flotten Holzbläsersolo des „Strowitwers“ deutlich wird.

Nach dem Walzer „Wiesenblumen“ kommen für den „Wittmann-Franz“ zum ersten Mal das Gesangsduo Günter Ahlborn und Tanja Becker auf die Bühne. Vater und Tochter sind heimischen Blasmusikfreunden noch als Mitglieder der „Hessenländer Musikanten“ in Erinnerung.

Mestrini blieb bei den klassisch-böhmischen Klängen und spielte die „Gablonzer Perlen“ und „Kannst du Knödel kochen“ zwei weitere typische Polkas, die aus dem Repertoire der „Egerländer“ nie wegzudenken waren. „Das kleine Echo“ schließlich fiel aus diesem Schema heraus, sorgt aber für Abwechslung – und das sehr einfach, aber überaus effektiv. Die drei „Echo-Trompeten“ wurden von Harald Rudolph, Nils Wienbrandt und Frank Reese gespielt.

Direkt danach kehrten die Musiker wieder zu Ernst Mosch zurück und spielten „Blumengrüße“ und die „Brautschau-Polka“. „Auf der Vogelwiese“ ist eine Polka, die aus keinem Festzelt wegzudenken und durch die Egerländer Musikanten bekannt geworden war. Das gleiche gilt für den Walzer „Rauschende Birken“: „Ich glaub‘, ich hab das Ding 1000-mal gespielt“, sagte Freek Mestrini.

Wenn hessische Musikanten inbrünstig „Du bist das Land, dem ich die Treue halte“ singen, meinen sie damit Tirol – der Marsch „Dem Tiroler Land die Treue“ ist derzeit bei vielen heimischen Musikvereinen beliebt, und auch das Workshop-Orchester spielte in inklusive Gesangteil. Mit der Polka „Egerland-Heimatland“ verabschiedeten sich Freek Mestrini und seine Musiker in die Pause.

Ein Potpourri mit tschechischen Märschen eröffnete schwungvoll den zweiten Teil, es folgten die Polkas „Fuchsgraben“, „Egerländer Dorfschwalben“ und „Wir sind Kinder von der Eger“. Die „Löffel-Polka“ zählte Mestrini in flottem Tempo an, was für Löffel-Solist Timo Birkenbusch kein Problem war: In Koch-Kleidung ließ er das Besteck wirbeln – und setzte den letzten Schlag schwungvoll auf die hohe Stirn des Dirigenten.

„Böhmischer Traum“ ist eine zeitgenössische, aber sehr beliebte Polka mit schönen Melodiebögen in allen Registern. Mit dem Medley „Ein musikalischer Hesenkessel“ verließ Mestrini ein einziges Mal den Volksmusikstil, doch die schwungvollen russischen Melodien begeisterten das Publikum, das rhythmisch mitklatschte.

„Bis bald auf Wiedersehen“ beendete das Konzert. Das Publikum erklatschte aber noch zwei Zugaben, zu denen sich das Orchester nicht lange bitten ließ. Die Polkas „Vivat Bohemia“ aus der Feder von Freek Mestrini und „Gute Nacht.

Durch das Programm führte Mestrini selbst. Heinz Berger hatte die Zuschauer zu Beginn im Namen des Orchesters begrüßt. Die Musiker nahmen für beide Konzerte in Frankenberg und Battenberg keinen Eintritt, baten aber um Spenden zu Gunsten der Kinderkrebshilfe Waldeck-Frankenberg. Rainer Humpert stellte die engagierte Arbeit des Vereins vor. Mehrere tausend Euro sind bereits durch die Workshop-Konzerte der vergangenen Jahre zu Gunsten der Krebshilfe erspielt worden.

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