"Die drei Musketiere" auf Hallenberger Freilichtbühne

Wortwitz und Degenklingen

Hallenberg - Bei der Premiere des Mantel- und Degen-Dramas und Freundschaft, Liebe und Verrat hatten die Zuschauer, im Gegensatz zum Vorjahr, auch ausreichend Gelegenheit zu lachen.

Wortwitz und Degenklirren spielen eine gleichberechtigte Rolle in Birgit Simmlers Inszenierung von Alexandre Dumas‘ „Die drei Musketiere“ an der Hallenberger Freilichtbühne. Die heiteren Momente beschränkten sich keineswegs auf jene Szenen, in denen Athos (Thomas Knecht), Porthos (Stefan Pippel), Aramis (Philipp Mause) und Dartagnan die stets in Überzahl angetretene Leibgarde von Kardinal Richelieu vorführten.

Denn im Alltag erweist sich der tapfere Kämpfer aus der Gascogne (Lukas Schöttler) anfangs als verliebter Tölpel, der beim ersten Treffen mit seiner Vermieterin und späteren Herzensdame Constance (Isabel Siepe) von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt. Dabei geht es ihm doch nur um das Auspolstern des leeren Bettes mit Stroh.

Nicht minder spannend geraten die pointenreichen Wortduelle. In denen behält Richelieu (Heribert Knecht) zunächst die Oberhand gegenüber Königin Anna (Vanessa Ante), die er als potenzielle Rivalin und Vertreterin einer anderen Politik ausschalten will. „Könige kommen, Könige gehen, ich bleibe“, droht der intrigante Kardinal mit eindeutiger Handbewegung um den blanken Hals der Königin, deren weiteres Leben oder Überleben von einer Halskette abhängen wird. Denn die von ihrem Gatten links liegen gelassene habsburgische Prinzessin fühlt sich vom Herzog von Buckingham (Daniel Glade) viel besser verstanden.

Sie tröstet den hoffnungslos in sie verliebten Mann für seinen ebenso tollkühnen wie aussichtslosen Besuch bei ihr mit seinem Lieblingsgeschmeide, eben jenem Collier mit den zwölf Diamanten, das ihr König Ludwig XIII. (Andreas Knecht) zur Hochzeit geschenkt hat. Und im weiteren Verlauf wird der von Richelieu entsprechend angespitzte König auf dem Erscheinen der Königin mit seinem Geschenk bestehen.

Die Übergabe des als Trostpflaster gedachten Colliers an Buckingham geht bei einem Zusammentreffen vonstatten, das der Kardinal mittels eines fingierten Briefs an den ehemaligen englischen Botschafter eingefädelt hat. Mit der Bemerkung „Narren und Verliebte glauben immer, was man ihnen verspricht“ zerstreut er die Zweifel seiner Mitverschwörerin und Geheimwaffe Lady de Winter (Manuela Winter).

Einer vom Schafott geretteten Schönheit, die der nicht nur von Machtgelüsten angetriebene Kirchenfürst als sein Werkzeug einsetzt, um den König weiter an der kurzen Leine führen zu können. Umgekehrt spielt die brillante Schurkin, die in ihrem persönlichen Befreiungskampf zwar Sympathien aber keine Rücksichten kennt, gleich mehrere Rollen. Eine Liebesnacht mit Beischlafdiebstahl bei D‘Artagnan, den sie mit dem falschen Brief an Buckingham in den sicheren Tod schickt, während sie sich das Halsband schnappt, gehört ebenso dazu wie Samariterdienste am Gascogner, als dieser schwer verletzt von jener Mission zurück kehrt, die durch ihr Eingreifen zum vorhersehbaren Fiasko wurde.

Als sich in der selben Szene das Blatt wendet, nimmt sie den Patienten als Geisel. Der rasante Wechsel der Situationen und Konstellationen, in denen Betrüger plötzlich zu Betrogenen werden und vermeintliche Sieger unversehens ihre Niederlage eingestehen müssen, gehört zu den Stärken der Produktion, die beim Bespielen der Naturbühne keinen Stillstand kennt.

Die Umdeutung der Fürstin de Winter als Kämpferin für die eigene Freiheit, nachdem sie von ihrem Mann Athos dem Henker überantwortet wurde, um nun von der Gnade Richelieus zu leben, erweist sich als wirkungsvolles Gegengewicht zum Freundschaftsdrama und zur Halsbandintrige. Als emanzipierte Frau droht die Lady ihrem Herrn über Leben und Tod auch schon mal mit dem Ende seiner Manneskraft, bevor sie wieder aufs Schafott kommt.

Ein pointenreiches Gleichgewicht des Schreckens im Geschlechterkampf, der markante Unterschied zum Holzhammerfeminismus der Päpstin. Die nahtlosen Übergänge und chamäleonsgleichen Rollenwechsel sind lange Zeit das Vorrecht der Schurken.

Ein Umstand, der Manuela Winter und Heribert Knecht, der den Umschlag von geistlicher Bonhommie und subtiler Drohgebärde zu seiner Domäne macht, zunächst zugute kommt. Lukas Schöttlers D‘Artagnan und die Königin Anna von Vanessa Ante absolvieren bis zum glücklichen Ende einen langen und glaubwürdig umgesetzten Lernprozess und sind am Ende ihren Widersachern überlegen, ohne sich an die Bösen anzugleichen.

Die sozialen Unterschiede zwischen abgehobenem Hof und Bürgertum sind lange Zeit offensichtlich. Erst als alles verloren scheint, kommt die Königin, bei der sogar der Herzog von Buckingham fensterln muss, hinab zu D‘Artagnan um das rettende Geschmeide in Empfang zu nehmen. Der König steht erst ganz zuletzt vorn an der Rampe um einen neuen Musketier in sein Leibregiment aufzunehmen. Für einen glücklichen, utopischen Schlussmoment ist die Trennung von Hof und Volk aufgehoben.

Im Hinblick auf die verpassten Chancen dieses utopischen Moments muss man wohl auch die Revolutionsfarben der Trikolore sehen, die während der ganzen Zeit als Menetekel über dem Palast schwebte. Auf den Königspalast gehört eigentlich das Lilienbanner der Bourbonen. Dieser Anachronismus ist der einzige Schönheitsfehler in einer rundum gelungenen Produktion mit großartigen Schauspielern. (ahi)

Kommentare