Mario Adorf beim Literarischen Frühling

Zwischen Bewusstsein und Schuld

Gegen das Verdrängen: Mario Adorf als Menachem Teitelbaum und Hannelore Elsner als Ethel im Film „Der letzte Mentsch“, der im Rahmen des Literarischen Frühlings im Frankenberger Kino gezeigt wurde.Fotos: Felix von Mutalt / Tobias Treude

Frankenberg - Film trifft Literatur: Am Auftaktwochenende des Literarischen Frühlings gab es mit der Vorführung von Mario Adorfs neuem Film direkt einen Höhepunkt. Der Schauspieler überzeugte nicht nur mit seiner Leistung, sondern auch mit seinen Aussagen zu Schuld und Vergessen.

„Ich erinnere mich nicht mehr.“ Es ist dieser eine Satz, der dem Zuschauer nach dem Film „Der letzte Mentsch“ mit Mario Adorf im Kopf bleibt. „Ich erinnere mich nicht mehr.“ Es ist dieser eine Satz, den Marcus Schwartz wiederholt. Marcus heißt eigentlich Menachem Teitelbaum, er ist Jude und überlebte als einziger seiner Familie den Völkermord von Auschwitz und Theresienstadt.

In der Folge verdrängt er seine Identität vollkommen. Als er beschließt, sich nach jüdischer Tradition beerdigen lassen zu wollen, holt ihn die Vergangenheit ein. Denn er muss beweisen, dass er Jude ist. Mit der jungen Deutschtürkin Gül macht er sich auf den Weg in seine Heimat in Ungarn - und er erinnert sich anstatt zu leugnen.

Mario Adorf war gestern mit seinem neuen Film, der in den Lichtspielhäusern erst noch anläuft, im Frankenberger Thalia-Kino zu Gast. Und trotz herrlichstem Frühlingswetter quetschten sich die Gäste in den dunklen Saal. Adorf hat eben nicht nur auf der Leinwand eine ganz besondere Anziehungskraft. Der Charakterdarsteller zeigte sich im Gespräch mit Spiegel-Journalistin Bettina Musall nachdenklich, humorvoll und als Mensch - letzteres sei im jiddischen ein besonderes Kompliment.

„Nicht schuldig fühlen“

„Ich glaube nicht, dass die junge Generation sich schuldig fühlen sollte. Bei aller Unschuld muss aber das Bewusstsein für das bleiben, was einmal in unserem Land passiert ist“, sagte Adorf und erntete dafür Applaus. Dieses Bewusstsein über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust führe zu einem Nicht-Vergessendürfen. Filme wie „Der letzte Mentsch“ könnten zum Nicht-Vergessen beitragen. Und so sei er dankbar für Rollen gewesen, die diese Themen aufgreifen. Adorf sprach auch über seine eigenen Erlebnisse zum Ende des Krieges, als er in den Volkssturm einberufen worden war. Und über das Böse an sich. „Das Schreckliche am Bösen ist, das die Frage nach dem Warum mit einem Adverb begründet wird, das keine Begründung ist: Darum.“ Seine Erfahrungen hat Adorf in „Der Mäusetöter“ niedergeschrieben. Als Student sollte er Anfang der 1950er Jahre Care-Pakete an Schüler verteilen. Zuvor mussten diese aber „entmaust“ werden. Was für ihn anfangs - da er als Kind selbst eine Maus hatte - unvorstellbar war, wurde nach einer Vielzahl getöteter Tiere zur Routine. Diese Erfahrung habe bleibenden Eindruck hinterlassen. „Nach einer Stunde war ich der perfekte Mäusetöter.“

Zum Hauptmotiv des Films hat der 83-Jährige eine klare Meinung. „Verdrängen kann man nicht auf Wunsch.“ Dies geschehe im Unterbewusstsein. Verdrängung sei eine besondere Auseinandersetzung mit einem Thema, die nur durch eine große Verletzung erklärbar sei. „Es ist eine Illusion, etwas durch das Vergessen ungeschehen machen zu können“, sagte Adorf.

Das merkt im Film auch Menachem Teitelbaum. Die Aufarbeitung des Geschehenen fällt ihm ungemein schwer. Dies sind die Szenen, in denen der Schauspieler sein ganzes Können zeigt. „Erzählen wirkt wie eine Befreiung“, gibt Adorf den Zuschauern mit auf den Weg. Diese verabschieden den charismatischen Darsteller mit stehenden Ovationen aus dem Kinosaal. Im Anschluss nimmt Adorf sich Zeit und schreibt in aller Ruhe Autogramme.

„Ich erinnere mich nicht“, sagt Menachem Teitelbaum im Film. Er erinnert sich nicht an das Lachen seiner Mutter, er erinnert sich nicht an das Geräusch der Züge bei der Einfahrt ins Konzentrationslager - und doch erinnert er sich. Und das emotional und beeindruckend. (tt)

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