Akute Leukämie

Alarmstufe Rot

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Bei Leukämie kommt es zu einer krankhaften Entartung und starken Überproduktion weißer Blutkörperchen.

Hannover - Akute Leukämie: Die Krankheit, mit der jetzt auch Guido Westerwelle zu kämpfen hat, schleicht sich unauffällig an – und führt unbehandelt binnen weniger Wochen zum Tod.

Die Hüfte schmerzte, sehr sogar. Ein neues Hüftgelenk wird wohl vonnöten sein, dachte sich Marlies Schott, als sie im Januar ihre Hausärztin aufsuchte. Man nahm ihr Blut ab, Tage vergingen, auf Krücken schaffte sie es gerade so vor die Haustür, der Hund musste ja mal ins Freie. Dann, an einem Montagmorgen, rief die Hausärztin bei ihr an. Es war nicht die Hüfte, es war akute Leukämie. Und diese Diagnose änderte alles. „Wie ein Gewitter brach der Befund über mich herein“, sagt die 59-Jährige aus Laatzen in der Region Hannover. Sie hatte ein Schicksal, wie es jetzt dem früheren Bundesaußenminister Guido Westerwelle widerfuhr. „Er tut mir furchtbar leid, weil ich weiß, was dem Mann in den nächsten Monaten bevorsteht“, sagt Marlies Schott.

Die Frau hat zahlreiche Chemotherapie-Sitzungen hinter sich. Die ersten habe sie ganz gut weggesteckt, die letzte aber sei schlimm gewesen. So viele Entzündungen. Und jetzt? „Eigentlich bräuchte ich jetzt eine Knochenmarksübertragung.“ Warum „eigentlich“? „Es findet sich kein Spender“, sagt Marlies Schott. Die ganze Familie habe sich untersuchen lassen, aber niemand komme infrage. Und ein Fremdspender ist auch noch nicht gefunden. „Es muss schnell gehen“, sagt Marlies Schott, „sonst kommt der Krebs zurück.“

Auch bei Westerwelle ist es akute Leukämie. Das Mitgefühl ist groß, die Zahl der potenziellen Knochenmarkspender ist zuletzt deutlich gestiegen. Westerwelles Fall offenbart die Tücke dieser Erkrankung. Sie bricht nicht plötzlich aus und ist dann für jedermann zu sehen. Sie schleicht sich vielmehr heran. Wird sie nicht unverzüglich behandelt, führt sie schnell zum Tod. Manchmal vergehen bis dahin nur Tage.

Rund 11 500 Menschen erkranken dem Krebsinformationsdienst zufolge jedes Jahr in Deutschland an Leukämie. Bei den Patienten ist die Reifung jener Zellen im Knochenmark gestört, aus denen das Blut gebildet wird. Das Verhältnis von weißen Blutkörperchen, roten Blutkörperchen und Blutplättchen gerät durcheinander, zu viele unreife, funktionslose weiße Blutkörperchen sind im Umlauf. Dies beeinträchtigt die Blutgerinnung, es kann zu Nasenbluten kommen und zu blauen Flecken. Müdigkeit stellt sich schnell ein, man fühlt sich schlapp. Die Infektneigung ist ausgeprägt, der Körper bildet nicht genug Antikörper, eine Erkältung wächst sich dann schnell zur Lebensgefahr aus.

Der Berliner Arzt Rudolf Virchow stieß 1845 auf diese Krankheit. Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Leukämie-Erkrankte erstmals systematisch behandelt. „Seit 30, 40 Jahren sind wir dabei, akute Leukämie in den Griff zu bekommen“, sagt Prof. Alwin Krämer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Akute myeloische Leukämie (AML) - die bei erwachsenen akut an Leukämie Erkrankten häufigste Variante - sei zweifelsohne eine hochgefährliche Erkrankung, sagt Prof. Krämer. „Aber man kann sie gut behandeln - anders als andere Krebsarten lässt sie sich mit einiger Wahrscheinlichkeit heilen.“ So gebe es eine Heilungsrate von bis zu 40 Prozent - solange sich keine Metastasen im Körper bilden.

Die Chemotherapie geschieht in drei Phasen. Im ersten Schritt erhalten Erkrankte Chemotherapie-Medikamente als Infusion. Die Krebszellen sollen so schnell wie möglich zurückgedrängt werden. Im zweiten Schritt sollen jene krankhaften Zellen zerstört werden, die die erste Behandlung überlebt haben. Anschließend folgt eine konsolidierende Therapie. Ziel ist es, einem Rückfall vorzubeugen und das erkrankte durch gesundes Knochenmark zu ersetzen.

Service

Wer sich als Stammzellspender registrieren lassen möchte, erhält beim Zentralen Knochenmarkspender-Register unter Telefon (0 800) 8 9 88 880 Informationen.

Eine Heilungsrate von 40 Prozent - statistisch bedeutet dies, dass mehr als jeder Zweite akut an Leukämie Erkrankte daran stirbt. Ist die Forschung schon an ihre Grenzen gestoßen? Nein, sagt Prof. Krämer. „In der Leukämie-Forschung passiert gerade sehr viel. Weltweit arbeiten Forscher an einer zielgerichteten Medikation für AML-Patienten.“ Ziel sei es, eine Substanz zu finden, die in der Zelle mutierte Eiweißstoffe daran hindert, unkontrollierten Stoffwechsel zu betreiben. Damit die kranken Zellen nicht weiter wachsen und nicht noch mehr funktionslose Blutkörperchen produziert werden. Der Körper soll wieder abwehrbereit sein. „Mit dieser Methode haben wir bereits die chronische myeloische Leukämie so gut wie aus der Welt geschafft - diese Revolution will die Wissenschaft wiederholen“, sagt Prof. Krämer. Erste Studienreihen hat es schon gegeben; der Erfolg blieb bisher allerdings noch aus. Jetzt arbeiten Forscher an einer neuen Studienreihe. „Ich bin mir recht sicher“, sagt der Wissenschaftler voller Überzeugung, „früher oder später wird es ein Gegenmittel geben.“

Für Jürgen Meiners (Name geändert) kommt diese Hoffnung allerdings zu spät. 13 Jahre litt er, dann verlor er den Kampf gegen den Krebs. Im August ist es ein Jahr her, dass der Mann verstarb. Mit Ende 50 wurde bei Jürgen Meiners eine akute myeloische Leukämie diagnostiziert - per Zufall, wie seine Frau Ingrid erzählt. Ihr Mann war Herzpatient. Bei einer Routineuntersuchung fiel den Ärzten die vergrößerte Milz auf. Zwei Wochen später dann die Diagnose Blutkrebs. „Mein Mann hatte einen unglaublichen Lebenswillen, sonst hätte er das nicht 13 Jahre lang durchgehalten“, sagt Ingrid Meiners. Und sie selbst? Die ehemalige Lehrerin, heute 61 Jahre alt, ließ sich ganz auf die Krankheit ihres Mannes ein. Sie gab ihren Beruf auf und gründete in Duisburg eine Selbsthilfegruppe. Monatelang verbrachte sie Tage, auch Nächte am Klinikbett ihres Mannes. „Wir haben in einer eigenen Welt gelebt“, sagt sie. Alles drehte sich um Therapien, Kliniken, Krankheiten. Die ersten drei Jahre bekam Jürgen Meiners immer wieder Chemotherapien. Wenn möglich, arbeitete er als Unternehmensberater. Aber er verlor Kraft. Nach einer Stammzellentransplantation baute sein Körper weiter ab. Jürgen Meiners bekam zwei neue Hüftgelenke. Doch es wurde schlimmer, er konnte nichts mehr essen.

Für Ingrid Meiners wurde die Selbsthilfegruppe zum Rückzugsort: „Das war meine Form, mich damit auseinanderzusetzen.“ Mit anderen zu sprechen sei hilfreich, es relativiere die eigenen Befindlichkeiten. Vor zwei Jahren verschlimmerte sich alles. Jürgen Meiners litt unter starken Schmerzen, nahm Morphium. Doch die Medikamente setzten dem geschwächten Körper weiter zu. Jürgen Meiners starb Monate später an einer Infektion. Seine Frau sagt heute: „Er hat es mit Würde und Disziplin getragen.“

Christa Burggraf weiß um die Not der Angehörigen. Jede Woche sucht sie an Leukämie erkrankte Menschen und ihre Familien in der Regensburger Uni-Klinik auf, spendet Trost. Sie findet die richtigen Worte, weil sie weiß, wie er sich anfühlt, der Krebs. Vor 17 Jahren erkrankte die heute 67-Jährige an akuter Leukämie. Wie im Fall von Guido Westerwelle waren es auch bei Christa Burggraf Schmerzen im Knie, die die Ärzte zufällig zur Diagnose führten. „Es war der Freitag vor Pfingsten, ich war bei der Arbeit, und die Klinik rief an“, erzählt Christa Burggraf. „Sie müssen sofort ins Krankenhaus und eine Chemotherapie beginnen“, habe der Arzt am Telefon gesagt. „Ich fragte noch, ob ich denn gar keine Entscheidungsfreiheit mehr hätte. Da sagte der Arzt: ,Sie werden das Pfingstfest nicht überleben, wenn Sie sich nicht sofort behandeln lassen.‘“

Selbst 17 Jahre später sind Schock und Fassungslosigkeit in Christa Burggrafs Stimme nicht verklungen. „Die Ärzte sagen, man sei sterbenskrank, und man schaut in den Spiegel und sieht doch aus wie eh und je.“ Während der Chemotherapie schmeckte jedes Essen nach Metall, Christa Burggraf wog nur noch 45 Kilo. Nachts, in der Klinik, schrieb sie Postkarten an Verwandte und Freunde: „Ich habe Leukämie. Ich weiß nicht, ob ich’s überlebe. Gruß, Christa.“

Die Frau aus Schwandorf in der Oberpfalz hat überlebt. Sie fand zurück ins Leben. Heute geht sie täglich zum Nordic Walking, schwimmt, spielt ein bisschen Tennis, hütet die beiden Enkelkinder. Christa Burggraf sagt: „Schaut’s her, ich hab’s überstanden.“ Sie sagt es zu allen - und sie sagt es zu sich selbst.

Verschiedene Formen der Leukämie

Leukämie wird meist als Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen, die mit einer (bösartigen) Störung der Blutbildung einhergehen, verwendet. Man unterscheidet grob vier Formen:

Akute myeloische Leukämie (AML): Die akute Leukämie beginnt schlagartig und schreitet ohne Behandlung rapide voran. Bei der AML entarten Vorstufen von roten oder weißen Blutkörperchen. Jeder vierte erwachsene Leukämiepatient hat diese aggressive Form. Die Behandlung besteht aus mehreren Chemotherapieblöcken, die wiederholt werden. Diese Prozedur dauert etwa ein Jahr.

Akute lymphatische Leukämie (ALL): Diese rasch verlaufende Krebsart ist die häufigste Leukämie bei Kindern. Die Bildung von Lymphozyten (Abwehrzellen) ist gestört. Verschiedene Symptome wie allgemeine Schwäche mit Blutarmut, Blutgerinnungsstörungen, Fieber mit schweren Infekten oder Knochenschmerzen können auftreten. Häufig ist bei der lymphatischen Leukämie zusätzlich zur Chemotherapie eine Strahlenbehandlung nötig, um vorhandene Leukämiezellen an den Hirnhäuten zu vernichten.

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL): Die am häufigsten vorkommende Leukämieform tritt vor allem im höheren Lebensalter auf. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose liegt bei über 50 Jahren. Die Immunabwehr schwächelt, weil intakte Lymphozyten fehlen. Bei jüngeren Patienten wird derzeit untersucht, ob eine Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation zu einer Heilung führen kann.

Chronische myeloische Leukämie (CML): Über Jahre werden im Körper immer mehr entartete weiße Blutzellen gebildet. In der Anfangsphase verläuft die Krankheit meist symptomlos. Überwiegend Erwachsene erkranken an CML, mit zunehmenden Alter steigt das Krankheitsrisiko. Eine Heilung der chronisch myeloischen Leukämie ist über eine Knochenmarktransplantation möglich.

Von Marina Kormbaki und Heike Manssen

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