Eisgranulat gegen Mücken

Blutsauger werden aus der Luft bekämpft

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Foto: Ein Hubschrauber verteilt bei Ichenheim (Baden-Württemberg) ein Schnakenlarvenbekämpfungsmittel.

Neuried - Das warme Frühlingswetter bringt den Lebenszyklus der Stechmücken auf Touren. Höchste Zeit für die Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage. Ob 2014 ein besonders heftiges Schnakenjahr wird, zeigt sich erst im Sommer.

Milliarden von Mückenlarven liegen in den Feuchtgebieten der dunklen Auenwälder am Oberrhein. Sie sind schon im Februar aus ihren Eiern geschlüpft. Ihren größten Feind kennen die Larven der Waldmücken jedoch nicht. Das Team des Biologen Norbert Becker hat am Donnerstag damit begonnen, ihre Gräben und Tümpel aus der Luft mit einem Hagel von Eisgranulat zu bestreuen. Dies birgt einen tödlichen Wirkstoff für die Larven der Stechmücken, die oft auch Schnaken genannt werden.

Am Mittag schwebt der Hubschrauber der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) über der Auenlandschaft bei Neuried-Ichenheim (Baden-Württemberg). Der Pilot drückt auf einen Knopf und gibt die Ladung frei: Eisgranulat mit einem Eiweißstoff, den ein ganz spezielles Bakterium produziert, das Bacillus thuringiensis israelensis (B.t.i.). Dieser für den Menschen und anderes Leben ungefährliche Stoff zerstört die Darmzellen der kleinen Larven und führt zu ihrem Tod.

„Nur die Mückenlarven werden abgetötet, keine anderen Organismen“, erklärt Becker zu der sehr speziellen Waffe der Kabs. Die von den Waldmücken abgelegten Eier können viele Jahre im Boden überleben. Wenn die Bedingungen stimmen, schlüpfen die Larven im Februar. Über zwei Monate hinweg durchlaufen sie bis Ende März vier Larvenstadien. „Die Drittlarven sind für die Bekämpfung am besten geeignet“, erklärt Becker. „Wir warten, bis diese da sind, damit wir auch die nachgeschlüpften Erstlarven erwischen. Die Strategie ist sehr ausgefeilt.“

Die Zeit drängt. Weil für das Wochenende Regen und Wind vorhergesagt sind, hat Becker beschlossen, den ersten Angriff auf die Stechmückenlarven um zwei Tage vorzuziehen. Im vergangenen Jahr setzte die Bekämpfung der Waldschnaken nach einem langen Winter erst Anfang April ein.

Begonnen hat der Einsatz am Morgen bei Sélestat im Elsass. Bis Freitagabend sollen 400 Hektar mit dem Wirkstoff bestreut werden, bei einer Menge von 20 Kilogramm pro Hektar sind das insgesamt acht Tonnen. Und auf einen Hektar kommen etwa 100 Millionen Larven, schätzt der Biologe Becker.

Produziert wird der Wirkstoff von der kleinen Firma Icybag Mosquitocontrol GmbH in Speyer. „Die Kabs ist mit einem Anteil von etwa 90 Prozent unser größter Kunde“, erklärt Geschäftsführer und Kabs-Präsident Paul Schädler. Darüber hinaus werden noch Verbände an der Donau und am Chiemsee mit dem Mittel beliefert. Am Tag werden etwa drei Tonnen produziert, in Stoßzeiten können es aber auch sieben bis acht Tonnen sein. Wichtig ist die Logistik des Einsatzes. Das Eisgranulat muss auch beim Transport gekühlt bleiben, bis es am Einsatzort von dem Team aus zwei Piloten und einem Techniker in Empfang genommen wird.

Nach dem Einsatz wird untersucht, in welchem Ausmaß der Wirkstoff erfolgreich war. An der Schnaken-Wacht beteiligen sich auch 200 bis 300 Freiwillige, die in den Kommunen der Kabs in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz die Flächen bestimmen, die für die Einsätze ausgewählt werden.

Wird es nach dem ungewöhnlich milden Winter in diesem Jahr mehr Mücken geben? Das lasse sich jetzt noch nicht sagen, erklärt Becker. Zwar habe der fehlende Frost das Überwintern der Hausmücken begünstigt, die in diesem Jahr nun schon früher aktiv seien. „Aber ob es ein schlimmes Rheinschnaken-Jahr gibt, hängt von den Hochwasserspitzen entlang des Rheins und von der Sommertemperatur ab.“

Bis September haben die Schnakenlarventöter gut zu tun. Die Bewohner der betroffenen Regionen sind dankbar, wenn sich die Plage in Grenzen hält. „So können wir unsere schöne Landschaft viel besser genießen“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Au am Rhein (Landkreis Rastatt), Kabs-Vizepräsident Hartwig Rihm (CDU). Angesichts klimatischer Veränderungen müsse zudem damit gerechnet werden, dass andere Stechmückenarten in der Region ihre Verbreitung fänden, was neue Gesundheitsrisiken bedeuten könne. „Wir rotten nicht aus, das ist auch gar nicht möglich.“ Die Schnaken seien ein Wunder der Natur, sagt Rihm und fügt hinzu: „Die Dinosaurier sind ausgestorben, die Schnake hat überlebt.“

dpa

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