Sensibles Thema

DDR-Straßennamen polarisieren

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Foto: Die Namen auf Brandenburger Straßenschildern stehen zum Teil auch 21 Jahre nach der Wende in Verbindung mit der DDR-Geschichte.

Potsdam - Wiedervereinigung hin oder her: Die Namen auf Brandenburger Straßenschildern stehen zum Teil auch 21 Jahre nach der Wende in Verbindung mit der DDR-Geschichte. An der Frage, ob das in Ordnung ist, scheiden sich die Geister.

In Brandenburger Städten gibt es noch zahlreiche Straßennamen, die nicht jeder Anwohner akzeptabel findet. Ob Ernst Thälmann-Platz, Wilhelm Pieck-Weg (früherer DDR-Präsident) oder Dr.-Kurt-Fischer-Straße (KPD-Funktionär) - die Liste ist lang. Nach Angaben des Potsdamer Innenministeriums gibt es keine landesweite Statistik zu Häufigkeit von Straßennamen. "Deren Vergabe fällt ausschließlich in den Bereich der kommunalen Selbstverwaltung", erläutert Ministeriumssprecher Ingo Decker in einer Umfrage. Eine genaue Auflistung der seit der Wende 1990 umbenannten Straßen gibt es auch in der Landeshauptstadt Potsdam nicht.

Nach Angaben der Behörden sind die Straßen in den zu DDR-Zeiten neu entstandenen Plattenbaugebieten am Schlaatz, Stern, Waldstadt 2, Drewitz oder auch Zentrum Ost zwischen 1991 und 1993 durch Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung umbenannt worden. Wenn ein Name eindeutig schwer belastet gewesen war, sei er zumeist schnell getilgt worden, sagt der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg, Karl-Ludwig Böttcher. Für ihn ist klar: "Das Thema ist weitgehend durch."

Dem widerspricht der Historiker Klaus Schroeder von der Freien Universität (FU) Berlin. "Der Umgang mit umstrittenen Straßennamen ist symptomatisch für den mangelnden Willen zur Vergangenheitsbewältigung in Brandenburg", meint er. Als DDR-Experte ist er in der Landtags-Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur tätig. "Ernst Thälmann war ein Stalinist der übelsten Sorte", sagt der Historiker. Er weist darauf hin: "Eine Ermordung durch die Nationalsozialisten reicht nicht aus, um jemanden direkt in den Heldenstand zu erheben". Straßennamen müssten nach Meinung von Schroeder den Werten der Demokratie entsprechen. Pieck als Befürworter einer Diktatur hätte dort ebenso wenig zu suchen wie Straßen oder Plätze der "Einheit". Diese ehrten schließlich nicht die deutsche Wiedervereinigung, sondern die Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946.

Diesen Standpunkt vertritt auch die CDU-Fraktionsvorsitzende Saskia Ludwig. Gerade in einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft sei es wichtig, zu wissen, was für Persönlichkeiten sich hinter so stark identitätsprägenden Dingen wie Straßennamen verbergen. "Ich halte es für nicht akzeptabel, dass 21 Jahre nach dem Sturz der SED-Diktatur immer noch Straßen nach kommunistischen Verbrechern wie Dr. Kurt Fischer benannt sind, ohne dass Bewohner wissen, wer dieser Mann ist und was er getan hat", betont sie.

Auch Frieder Weiße, Landesvorsitzender der Vereinigung Opfer des Stalinismus, hat kein Verständnis für nach Thälmann, Pieck und Co. benannte Straßen. "Ich sehe das als Indiz für mangelnde Aufarbeitung", betont er. Besonders in den ländlichen Regionen sei die Zahl öffentlicher Plätzen, die an die SED-Diktatur erinnerten, extrem. "Für einstige Opfer ist das die pure Demütigung", sagt er. Die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, setzt auf Differenzierung. Bewohner einer Thälmannstraße seien nicht automatisch Sympathisanten der Thälmannschen KPD. In einer Demokratie sollte daher die Änderung eines Namens nicht nur administrativ durchgesetzt werden, sondern verbunden sein mit einer öffentlichen Diskussion. Poppe: "Das einfache Auswechseln von Schildern ist für die Entwicklung der demokratischen Kultur kaum sinnvoller als das Festhalten an Straßennamen, über die kaum jemand nachdenkt."

dpa

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