Rohstoffe

Deutschland nimmt Kurs auf Metallschätze in 6000 Meter tiefer See

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Foto: „Wir haben teilweise schon eine gute Übersicht der Knollendichte“, berichtet Prof. Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, die das Thema für den Bund erforscht.

Hannover/Kingston - Fast drei Viertel der Erde sind von Ozeanen bedeckt. Auf ihren Böden schlummern wertvolle Rohstoffe, die oft nur noch aufgesammelt werden müssten. Doch die Ernte in der Tiefsee ist ein Hightech-Unterfangen, das bisher nur in der Theorie existiert. Das will Deutschland ändern.

Im Englischen gibt es eine Redewendung für einen relativ geringen Aufwand, mit dem man seinem Ziel anfangs rasch näher kommt: „Low hanging fruits“ - leicht zu erntende Früchte. Im Rennen um die globalen Rohstoffreserven hängen die Früchte aber immer höher. Wachsender Bedarf steht endlichem Vorrat gegenüber. Die Industrie löst das Problem auf ihre Art. Sie bohrt noch tiefer nach Vorkommen, trennt Öl selbst aus Sand heraus oder pumpt kilometertief Chemie in Gestein, um an verborgenes Gas zu kommen. Ausgerechnet das rohstoffarme Deutschland könnte jedoch bald als ein Vorreiter einen bisher unbekannten Weg gehen - und Rohstoffe aus der Tiefsee fischen.

Deutschland hält seit 2006 eine Lizenz für zwei riesige Gebiete im Pazifik zwischen Mexiko und Hawaii. Seither läuft die Erforschung um die Objekte der Begierde wie Mangan, Kupfer, Nickel und Kobalt, aber auch das aus Batterien bekannte Lithium. Die Vorkommen liegen einfach auf dem Meeresboden, in Form von Knollen, meist groß wie Kartoffeln. Der Haken an der Sache: Tiefseebergbau gab es bisher noch nie. „Wir reden hier von bis zu 6000 Metern Tiefe“, sagt Prof. Hans-Joachim Kümpel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, die das Thema für den Bund erforscht.

Bis zum Jahr 2021 wahren die Erkundungsrechte Deutschland den exklusiven Zugang zu den Lagerstätten am Ozeanboden. Die zwei Gebiete sind zusammen größer als Bayern. Die Experten verschafften sich mit Forschungsschiffen einen Überblick. „Wir haben teilweise schon eine gute Übersicht der Knollendichte“, berichtet Kümpel. Die Erwartungen seien bisher erfüllt. „Es ist sehr vielversprechend.“

Der Claim ist abgesteckt - doch wann wird geschürft? „Wir werben dafür, dass es in drei bis vier Jahren einen Erprobungstest gibt“, berichtet Kümpel. Die Politik hat erste Weichen gestellt. Der zwei Jahre alte „Nationale Masterplan Maritime Technologien (NMMT)“ hält fest, dass das Meer zunehmend Rohstofflieferant werden dürfte. Es heißt sogar, die Tiefseerohstoffe könnten die Wirtschaft beflügeln.

Technologiestandort mit enormen Potential

Laut Bundeswirtschaftsministerium hat gerade Deutschland als Technologiestandort „enormes Potenzial“ für einen umweltverträglichen Tiefseebergbau. Aus Sicht des Ministeriums könnte das Schürfen im Ozean einen soliden Beitrag zur Rohstoffsicherheit leisten. „National prüft die Bundesregierung deswegen derzeit intensiv, wie verschiedene Förderprogramme koordiniert eingesetzt werden können, um dieses Potenzial zu heben, und um so schon heute die Weichen für einen nachhaltigen Tiefseebergbau von morgen zu stellen“, sagt die Behörde.

Die Knollen aus der Tiefe beherbergen unter anderem Stoffe, die wichtig sind für die Elektro- und Computerindustrie oder Prozesse der Stahlherstellung. Den Fördertest müsste ein Firmenkonsortium leisten.

Die generellen Chancen hat das Bundeswirtschaftsministerium schon in einer Wirtschaftlichkeitsstudie prüfen lassen. Federführend war dabei neben der BGR die Firma Aker Wirth aus Erkelenz im Rheinland, die Spezialgerät für den Bergbau und die Arbeit im Meer entwickelt.

„Sehr wirtschaftlich“

Steffen Knodt, bei Aker Wirth zuständig für Technologie und Innovation, erläutert: „Für einen wirtschaftlichen Abbau ist ein kontinuierlicher Rohstofftransport von den Kollektoren über kilometerlange Förderstränge erforderlich.“ In diesen Wassertiefen müsse daher jedes einzelne Teil Schwerstarbeit leisten. Neben den technischen Herausforderungen habe die Studie die Kette bis hin zur Verwertung an Land durchgespielt. Ergebnis: Der Tiefseebergbau sei bereits bei den aktuellen Rohstoffpreisen „sehr wirtschaftlich“.

Prof. Peter Halbach vom Institut für Geologische Wissenschaften an der FU Berlin ist Experte für Tiefseebergbau. „Ich glaube schon, dass die Menschheit auf diese Rohstoffe nicht verzichten kann und dass wohl in fünf bis acht Jahren mit dem Beginn - vielleicht nicht gerade in Deutschland, aber vielleicht China oder Korea - zu rechnen ist“, sagte er vor wenigen Tagen bei einem Vortrag an der TU Clausthal. Fünf bis zehn Jahre hält auch Knodt für einen realistischen Zeitraum.

Bei einem möglichen Fördertest ginge es aber nicht nur um die Chancen, die Knollen möglichst günstig nach oben zu bekommen. „Ein Kriterium bei der Antragstellung für Abbaulizenzen liegt auch darin, dass die Umweltauswirkungen beherrschbar sind“, sagt Kümpel.

Zuständig für Grünes Licht wäre die Internationale Meeresboden Behörde ISA mit Sitz in Kingston auf Jamaika. Sie verwaltet die Tiefe der Ozeane außerhalb der staatlichen Hoheitsgewässer als Erbe der Menschheit. In ihren Regeln für den künftigen Tiefseebergbau spielen Umweltaspekte und Rechte der Entwicklungsstaaten eine zentrale Rolle. Bisher verteilte die ISA 17 Erkundungslizenzen. Neben Deutschland sind etwa China, Russland, Frankreich, Japan oder Korea im Rennen.

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