Unermüdlicher Forschergeist

Eibl-Eibesfeldt wird 85

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Foto: Irenäus Eibl-Eibesfeldt gilt als Begründer der Humanethologie.

München/Andechs - Er erforschte die Tiere – und kam beim Menschen an: Irenäus Eibl-Eibesfeldt gilt als Begründer der Humanethologie. Jetzt wird der streitbare Forscher mit den teils kontroversen Thesen 85 Jahre alt. Sein Forscherdrang ist ungebrochen.

Mit seiner These von der angeborenen Fremdenscheu hat er teils heftige Debatten ausgelöst, seine Werke gelten gleichwohl als „Bibel“ der Verhaltensforschung. Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat nach der Tierwelt auch das Verhalten der Menschen erforscht und so die Humanethologie als eigene Disziplin begründet. Am Samstag (15. Juni) feiert der gebürtige Wiener, der mit seiner Frau Eleonore am Starnberger See lebt, seinen 85. Geburtstag.

Von Ruhestand keine Spur. Papier türmt sich in dem Arbeitszimmer in Andechs - im Humanethologischen Filmarchiv in der Max Planck Gesellschaft, für die er seit 1956 tätig ist. Er arbeitet Material aus Jahrzehnten auf. Dann will er wieder auf Entdeckungsreise gehen. Sein Ziel ist die „Testudo Fantastica“: Eine einzige dieser Riesenschildkröten mit dem schön geschwungenen Panzer wurde auf der zum Galápagos-Archipel zählenden Insel Fernandina entdeckt. Eibl-Eibesfeldt will weitere Tiere finden. „Da habe ich eine genaue Vorstellung, wo noch welche leben.“ Die Inseln kennt er wie kaum ein anderer - seine zoologischen Studien dort machten ihn früh bekannt.

Drachenartige bunte Meerechsen, riesige Elefantenschildkröten, flugunfähige Kormorane, dazu die zerklüftete Landschaft aus schwarzer Lava - Galápagos hat den Forscher geprägt. 1954 reiste der 26-Jährige als Gastwissenschaftler des Meeresbiologen Hans Hass erstmals zu den Inseln. Seine Frau war schwanger. Trotzdem brach er auf Richtung Galápagos. „Die starken Eindrücke, die ich auf dieser Reise empfing, prägten meine Liebe zu ihrer Lebenswelt, um deren Schutz ich mich in der Folge auch bemühte“, schreibt er in dem neu aufgelegten Buch „Galápagos“.

Eibl-Eibesfeldt beobachtete, wie Schildkröten sich von Grundfinken nach Zecken absuchen lassen und beschrieb erstmals diese Symbiose. Er entdeckte, dass Meerechsen zum Tauchen Steinchen schlucken, sich am Land mit der Zunge orientieren und Wassernebel aus der Nase sprühen. Lange bevor Arten- und Naturschutz allgemein diskutiert wurden, sah er die Gefährdung des Paradieses und wandte sich an die UNESCO. Die schickte ihn auf eine Expedition, die in Schutzauflagen mündete.

Seine Dissertation schrieb der Schüler von Konrad Lorenz zur „Paarungsbiologie der Erdkröte“. 1967 erschien mit „Grundriss der Vergleichenden Verhaltensforschung“ das erste umfassende Lehrbuch der Ethologie. Eibl-Eibesfeldt wandte sich nun dem menschlichen Verhalten zu. Mit „Biologie des menschlichen Verhaltens“ (1984) begründete er die Humanethologie. Besonders setzte er sich damit auseinander, welche Verhaltensweisen angeboren und welche kulturell bedingt sind.

Seine Überzeugung, es gebe eine angeborene Fremdenscheu und Zuwanderung müsse deshalb begrenzt werden, brachten ihm den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit ein. Eibl-Eibesfeldt sah darin „Beifall von der falschen Seite“. Um Gefahren zu begegnen, müsse man die Gründe für Verhalten verstehen. „Fremdenscheu hat kulturunabhängig jeder - zu Fremdenhass wird erzogen“, sagt er.

Der Wissenschaftler, der bis 1996 an Uni München lehrte, setzte sich stets für ethnische Vielfalt und den Schutz bedrohter Kulturen ein. Sein Credo: „Wer seine Wurzeln verliert, kann nicht gedeihen.“ Er reiste zu traditionellen Völkern: den Yanomami in Südamerika, den Himba im westlichen Afrika, den Eipo und Trobriandern in Neuguinea.

Rund 350 Kilometer Film brachte er mit nach Hause. Bis zur Decke stapeln sich die Rollen in Andechs - wissenschaftliche Schätze, denn Eibl-Eibesfeldt beobachtete die Menschen wie zuvor die Tiere: Nichts ist gestellt. Er wartete mit seiner Kamera, bis sie das taten, was er dokumentieren wollte: Sich für ein Fest schmücken, ein Kind füttern, um Spielzeug streiten. Das Material wird nun digitalisiert.

Auf dem Schreibtisch des vielfach ausgezeichneten Forschers staplen sich „Feldtagebücher“: „Bali 1973“, „Trobriand 1982“ oder „Japan 1988“ steht darauf. Hunderte hat er gefüllt und persönliche Erlebnisse ebenso dokumentiert wie wissenschaftliche Erkenntnisse. Von ihm gelesene Passagen sollen als CD erscheinen. In einer Ecke hat er deshalb ein Mini-Studio eingerichtet. Und er wertet Aufzeichnungen früherer Generationen aus: Familiengeschichte - und für den Forscher stets auch allgemeine Beispiele menschlichen Verhaltens.

Von der Humanethologie ausgehend wandte sich Eibl-Eibesfeldt der Kultur als elementarem Ausdruck zu. In dem Werk „Weltsprache Kunst“ dokumentiert er mit der Forscherin Christa Sütterlin frappierende Ähnlichkeiten bei der Darstellung einer Frau in bronzezeitlichen Felsmalereien, in einer Zeichnung der heutigen Eipo und in „Figure“ von Juan Miró - als hätten alle die gleiche archetypische Abstraktion vor Augen gehabt. Auch auf seinen Reisen hat Eibl-Eibesfeldt hinter den Facetten der Kulturen stets das Gemeinsame herausdestilliert.

Ende der 1980er Jahre widmete sich der Wissenschafter und Autor vieler Bücher als neuem Thema der „Stadtethologie“. Er ging der Frage nach, wie der Mensch in der anonymen Stadtgesellschaft mit seinen angeborenen auf Gruppenleben ausgerichteten Verhaltensmustern umgeht.

Den Geburtstag begeht Eibl-Eibesfeldt im Kreis der Familie mit seiner Frau, den beiden Kindern, Enkeln und Urenkeln. Sein größter Wunsch: „Dass mein Fach weiter gepflegt wird.“ Gute Chancen gibt es - in Frankfurt ist ein Lehrstuhl für Humanethologie geplant.

dpa

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