Historiker über Todesmärsche

„Eine Eskalation der Gewalt“

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Befreit in Bergen-Belsen: Frauen aus dem Lager Hannover-Limmer, die den Todesmarsch überlebt hatten.

- Im Frühjahr 1945 begann ein letztes, besonders grausames Kapitel der NS-Zeit: In Todesmärschen trieben die Nazis KZ-Häftlinge, darunter Tausende aus den hannoverschen Lagern, nach Bergen-Belsen. Der Historiker Rolf Keller über die Opfer der Todesmärsche und die Motive der Täter.

Herr Keller, Historiker sprechen bei den Todesmärschen etwas technisch von „Kriegsendphaseverbrechen“ ...

Dabei streiten sich Fachleute bis heute darüber, wie diese Todesmärsche historisch einzuordnen sind. Waren sie die letzte Phase der sorgfältig geplanten Schoah, also bestimmt von unbedingtem Vernichtungswillen? Oder waren sie eher ein chaotisches Geschehen, das schließlich eskalierte?

Sicher ist, dass der Befreiung noch einmal eine Eskalation der Gewalt vorausging.

Ja, dabei spielten verschiedene Dinge eine Rolle. Himmler hatte befohlen, dass kein Häftling in die Hände der Alliierten fallen dürfe. In erster Linie ging es der SS allerdings nicht um ihre Ermordung, sondern darum, angesichts des Vorrückens der Alliierten die Verfügungsgewalt über die Häftlinge zu behalten ...

Zur Person

Rolf Keller promovierte an der Uni Hannover über sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland. Der Historiker war unter anderem für die Landeszentrale für politische Bildung tätig und gestaltete die Gedenkstätte Bergen-Belsen mit. Heute arbeitet der 58-Jährige für die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle.

... was gleichwohl Tausende Tote forderte.

Es wirkt fast, als hätten die unteren SS-Führer noch so viele Menschen wie möglich mit in den Untergang reißen wollen. Ein Motiv für die Morde auf den Todesmärschen war es, Zeugen der NS-Verbrechen zu beseitigen. Teils fürchteten sich die Verantwortlichen auch schlicht vor der Rache befreiter Häftlinge. Auch darum gab es Fälle, in denen SS-Männer noch Gefangene ermordeten, während sie selbst sich schon Zivilkleidung zum Untertauchen organisierten.

Wie viele Deutsche bekamen von den Todesmärschen denn etwas mit?

Die Todesmärsche fanden mitten in der deutschen Gesellschaft statt, als quasi öffentliches Verbrechen. Es gab zumindest kaum einen Ort in Deutschland, durch den 1945 nicht eine Marschkolonne mit KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen oder Strafgefangenen zog. Aus Dutzenden von KZ-Außenlagern in Nordwestdeutschland wurden Häftlinge auf Fußmärschen nach Bergen-Belsen und Sandbostel getrieben; wer nicht mehr mitmarschieren konnte, wurde erschossen und eilig am Wegrand verscharrt. Zugtransporte mit Häftlingen irrten kreuz und quer durch die Region, die Opfer liegen entlang der Bahnstrecken zumeist in Massengräbern. Auf Veranlassung der Alliierten wurden die Strecken später gezielt nach Gräbern abgesucht. Aber wahrscheinlich sind bis heute nicht alle gefunden worden.

Bei einigen Mordaktionen wurden SS und Gestapo von der Bevölkerung unterstützt.

Das ist das Besondere an den Todesmärschen: Oft gingen die Verantwortlichen lokale Allianzen mit Behörden, Feuerwehr oder HJ ein. In Celle konnten nach einem Luftangriff zahlreiche Häftlinge am 8. April 1945 fliehen. Zivilisten und Volkssturmmänner beteiligten sich daraufhin an einem „Hasenjagd“ genannten Massaker, dem mindestens 170 Menschen zum Opfer fielen. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass andere Deutsche einzelne Häftlinge versteckten oder versuchten, ihnen auf dem Marsch Lebensmittel oder Wasser zukommen zu lassen. Es war also durchaus möglich, dem Töten etwas entgegenzusetzen.

Interview: Simon Benne

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