Missglückte Experimente

Eine Zeitschrift für gescheiterte Forschungen

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Mainz - Wer forscht, macht Fehler. Daten über missglückte Experimente gehören aber nicht in den Papierkorb, sondern in eine Fachzeitschrift, finden zwei Mainzer Doktoranden - und gründeten eine. Ihr Magazin wurde schon als weltweit einmalig bewertet.

Beim Forschen läuft nicht immer alles glatt. Versuche misslingen, Ergebnisse enttäuschen. Was tun mit den gescheiterten Experimenten? Publizieren, sagen zwei Doktoranden aus Mainz. Sie haben eine Zeitschrift gegründet, in der auch solche Arbeiten veröffentlicht werden. „Journal of Unsolved Questions“ (etwa: „Journal der ungelösten Fragen“) nennen sie ihr Magazin und haben ihm selbstironisch einen Papierkorb als Logo verpasst.

„Das ist unserer Meinung nach die ehrlichere Wissenschaft“, sagt Leonie Mück, die das Magazin - kurz „JUnQ“ - gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Thomas Jagau ins Leben gerufen hat. Viele Versuche gingen schief, bevor einer gelinge. Das sei aber nicht nur schlecht: „Auch ein Scheitern stellt einen Erkenntnisgewinn dar“, erklärt die 25 Jahre alte Doktorandin der Chemie. Die wissenschaftliche Gemeinschaft müsse von ihrem „hohen Ross“ geholt werden. Viel zu oft ließen Forscher widersprüchliche Ergebnisse unter den Tisch fallen.

„Eine Veröffentlichung könnte verhindern, dass Fehler wiederholt werden“, meint auch Chemiker Jagau (25), der selbst Rückschläge bei seinen Forschungen kennt. Ein missglückter Versuch könne also die Wissenschaft weiterbringen. So kann man in der Zeitschrift etwa nachlesen, wie drei Chemiker versuchten, das Verhalten von Elektronen noch genauer darzustellen - doch die Theorie funktionierte in der Praxis nicht richtig. Ein anderer Forscher wollte Integrale mit einem Minimum an Computerressourcen berechnen und scheiterte ebenfalls.

Das Magazin „JUnQ“ ist weltweit einmalig

Die Idee zu „JUnQ“ ist nicht ganz neu. Für einzelne Fachbereiche wie Pharmazie oder Biochemie gibt es ähnliche Zeitschriften. „Die sind aber immer auf ein Spezialgebiet beschränkt“, erklärt Jagau. In ihrem Magazin dagegen könnten Arbeiten aller Fachbereiche publiziert werden. „Gerne auch aus Geisteswissenschaften.“

Die beiden Mainzer publizieren Aufsätze über Forschungsprojekte, deren Versuchsaufbau nicht gelang oder deren Daten keine Schlüsse zuließen. Aber auch diese Experimente müssen ordentlich durchgeführt worden sein, um es ins Magazin zu schaffen. Jeweils zwei Forscher, die sich mit den entsprechenden Themen auskennen, prüfen die wissenschaftliche Qualität von jedem Beitrag.

Bislang reichten meist Bekannte der beiden Artikel ein. Auch Leonie Mück beschrieb schon einen gescheiterten Versuch für die erste Ausgabe, Ende Juli erschien die zweite. Für die Druckkosten der 250 Exemplare kommt die Graduiertenschule „Materials Science“ ihrer Uni auf. „Wir erreichen aber viele Leute über das Internet“, sagt Jagau. Im Juni registrierten die beiden Chemiker dort rund 5000 Besucher.

Positive Rückmeldungen gab es auch von anderer Stelle: Das Magazin wurde vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft als weltweit einmalig beschrieben. Es zeige „auf sehr originelle Weise, dass das Scheitern zur Wissenschaft dazugehört“, zitierte der Verband seine Jury und zeichnete das Projekt als „Hochschulperle“ aus.

dpa

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