Prävention statt Beihilfe

Experten gegen Suizid-Beihilfe

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Krankheit, Schmerz, Einsamkeit - die Zahl der Suizide in Deutschland steigt seit mehreren Jahren wieder an.

Günzburg - Krankheit, Schmerz, Einsamkeit - die Zahl der Suizide in Deutschland steigt seit mehreren Jahren wieder an. Ärzte sind nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) nicht ausreichend geschult im Umgang mit suizidgefährdeten Patienten.

Im Medizinstudium komme die Behandlung psychischer Erkrankungen zu kurz, kritisierte beispielsweise die Dresdner Psychiaterin Ute Lewitzka am Freitag bei der DGS-Frühjahrstagung im schwäbischen Günzburg. „Sie lernen das Leben retten, aber nicht wie ein Mensch gesund altert“, sagte Lewitzka.

Auch Psychotherapeuten und Beschäftigte in der Altenhilfe müssten besser ausgebildet werden. Die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland ist seit den 1980er Jahren zurückgegangen, steigt aber seit mehreren Jahren wieder an. 2013 gab es laut Statistischem Bundesamt rund 10.000 Suizide, mehr als 100.000 Menschen begingen den Versuch.

In Bayern wurden 2013 beispielsweise 13,7 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner gezählt, in Baden-Württemberg 12,8 (Deutscher Durchschnitt: 12,5). Die Gefahr steigt dabei kontinuierlich mit dem Lebensalter. „Das berechtigt zur Sorge“, sagte der Stuttgarter Psychiater Elmar Etzersdorfer.

Die diskutierte Beihilfe zum Suizid stößt bei der DGS indes auf strikte Ablehnung. „Damit wird eine Stimmung erzeugt: Wenn sie alt sind, wenn sie krank sind, dann bringen sie sich um. Das geht bis zu einem gesellschaftlichen Druck“, kommentierte Etzersdorfer die aktuelle Sterbehilfe-Debatte.

Der Bundestag will noch in diesem Jahr die Sterbehilfe in Deutschland neu regeln. Bei einer Grundsatzdebatte im November gab es im Parlament unterschiedliche Positionen zur Frage, ob einem sterbenskranken Menschen Beihilfe zum Suizid geleistet werden darf.

„Dadurch werden Beratungsmöglichkeiten in den Hintergrund gerückt“, kritisierte die DGS-Vorsitzende Barbara Schneider. Die geschäftsmäßige, gewerbliche und organisierte Beihilfe zum Suizid müsse außerdem ausgeschlossen, die präventive Beratung und Versorgung etwa durch Ärzte gestärkt werden. „Ein geschützter Raum zwischen Arzt und Patienten muss vorhanden sein, um frei über suizidale Gedanken zu diskutieren“, sagte Schneider.

Die Mitwirkung bei der Selbsttötung ist aber laut DGS keine ärztliche Aufgabe. „Vor jeder Beihilfe zum Suizid muss die Hilfe stehen für die, die suizidal sind. Da gibt es eine ganze Menge an Möglichkeiten, die noch nicht ausgenutzt werden“, sagte der Hamburger Psychologe Reinhard Lindner. Die DGS plädiert unter anderem für psychotherapeutische Gesprächsangebote und die Behandlung mit Medikamenten.

dpa

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