Überfischung

Fischzucht zwischen Windkrafträdern

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Professor Bela Buck vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven führt eine mit einer Miesmuschel zusammengewachsene pazifische Auster mit Makroalgen aus der Nordsee vor.

Bremerhaven - Die Fischbestände in Nord- und Ostsee schwinden. Deshalb wird nach Lösungen gesucht, wie der Bedarf an Speisefisch auch künftig gedeckt werden kann. Eine Möglichkeit könnte die Zucht in Käfigen in Offshore-Windparks sein.

Mehr als 75 Prozent der weltweit kommerziell genutzten Fischbestände sind nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu überfischt. Doch der Appetit auf Fisch ist ungebremst. Was also tun? Wissenschaftler des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar und Meeresforschung (AWI) erforschen, wie Steinbutt, Lachs und Kabeljau in den Windparks auf hoher See gezüchtet werden könnten. „So würden die riesigen Flächen zweifach genutzt“, sagt Projektleiter Bela H. Buck.

Die Fischzucht spielt in Deutschland bislang im Vergleich zur Küsten- und Hochseefischerei eine kleinere Rolle. „Aquakultur in geschlossenen Kreislaufsystemen ist teuer und lohnt sich nur bei hochpreisigen Fischent“, begründet Biologe Buck. Anders als etwa in den norwegischen Fjorden könne an der deutschen Nordseeküste zudem keine Freiwasserkultur betrieben werden, da das Wattenmeer Nationalpark ist. Nur die Miesmuschelzucht ist erlaubt. Und jenseits des Küstenmeeres war bislang wegen der Strömung und der Wellen nicht an eine Zuchtfarm zu denken.

Das hat sich geändert. „Es gibt inzwischen bessere Netze und stabile Verankerungen, die den Kräften dort draußen standhaltent“, sagt Buck. Die eigens konzipierten Käfige und Netze werden an den Fundamenten der Windräder befestigt. Hängen die Käfige mit den Zuchtfischen weit genug unter der Wasseroberfläche, lasse auch die Kraft der Wellen extrem nach. Und an die Strömung gewöhnten sich die Tiere. „Die Fische in den Käfigen könnten sowohl unter als auch über Wasser automatisiert abgeerntet werdent“, sagt Buck.

Die Offshore-Parks sind aus Sicherheitsgründen für die Schifffahrt gesperrt. Nur die Versorgungsschiffe der Windparkbetreiber dürfen sie anfahren. Für die Aufzucht und Ernte der Tiere könnten Fischfarmer die Versorgungsschiffe mitnutzen - was die Kosten für beide Seiten senken würde, sagt Buck. „Eine Mehrfachnutzung der Windparks ist sicherlich sinnvollt“, sagt auch Ronny Meyer, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur WAB in Bremerhaven.

Bleibt das Abfall-Problem: Das Futter wird von den Fischen nicht komplett verzehrt, zudem scheiden die Fische Exkremente aus. Dafür hat der AWI-Wissenschaftler eine einfache Lösung: Im selben Gebiet werden etwa an Langleinen Algen und Muscheln gezüchtet, die die Substanzen aufnehmen. Dadurch wird nicht nur das Wasser gereinigt: „Die Algen und Muscheln können auch noch verkauft werdent“, meint Buck.

Horst Huthsfeldt von der Kutterfisch-Zentrale in Cuxhaven kann sich zudem die Zucht von Hummer und Austern in Windparks vorstellen. Das Unternehmen hat sich finanziell und personell am Projekt beteiligt. „Wir haben durch die Windparks einen Großteil unserer Fanggebiete verlorent“, begründet der Geschäftsführer. Weitere Einschränkungen befürchtet er, wenn ökologische Ausgleichsflächen geschaffen werden müssten. Deshalb kann Huthsfeldt sich das neue Tätigkeitsfeld gut vorstellen. Doch ist er erst einmal ernüchtert: Die Offshore-Branche steckt gegenwärtig wegen unklarer politischer Rahmenbedingungen in einer schweren Krise. Damit sei auch das Aquakultur-Projekt ins Stocken geraten.

„Wir sind noch weit entfernt davon, es umzusetzen", räumt auch Buck ein. Das Ausland zieht derweil an Deutschland vorbei. „Alle Länder, die Windparks bauen, machen jetzt auch marine Aquakultur-Konzepte.t“ Buck ist sich aber sicher, dass es für das Projekt auch hierzulande eine Chance geben wird: „Zwei Infrastrukturen, die hohe Investitionskosten haben, dürfen sich nicht unabhängig voneinander entwickeln.“

dpa

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