Natur

Fledermäuse leiden unter Baumfällungen

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Fledermäuse brauchen für den Winterschlaf geschützte Höhlen.

Hannover - Die Fledermäuse in Hannover vertragen sich nicht mit den Plänen der Menschen: 350 zum Teil schwer verletzte Tiere wurden 20111 gezählt. Winterhöhlen wurden zum Teil durchgesägt.

Es ist Zeit zum Endspurt: Hunderte von Bäumen fallen in diesen Tagen den sogenannten Winterfällungen zum Opfer, die bis Ende Februar erlaubt sind. Am Ihmeufer, am Klagesmarkt, in der Eilenriede und diversen Parks – überall kreischen die Sägen. Die Leidtragenden sind oft die Fledermäuse. Die streng geschützten Tiere verbringen in Baumhöhlen ihren Winterschlaf. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen fallen die Nachtflieger immer wieder den Rodungsarbeiten zum Opfer, oder sie kommen schwer verletzt zu Fledermaushelferin Renate Keil. Mehr als 350 zum Teil schwer verletzte Tiere hat die Tierärztin im vergangenen Jahr behandelt.

Die Region als Aufsichtsbehörde hat die Auflagen bereits verschärft. Im Verdachtsfall, wenn nämlich Höhleneingänge in Bäumen sichtbar sind, ordnet sie zuweilen sogar Sichtungen mit Hubwagen an. Mit Endoskopen blicken Fachleute in die Höhlen, um versteckte Tiere zu finden. Auch gefällte Bäume sollen möglichst genau untersucht werden. Doch immer wieder werden Tiere übersehen.

„Kürzlich hat mir jemand einen Stammteil gebracht, den er als Brennholz gekauft hat“, sagt Tierärztin Keil. Im Stamm: eine Höhle, durch die die Kettensäge zum Teil hindurchgefahren war. „Ein Abendsegler war vollständig durchgeschnitten, dem war nicht mehr zu helfen“, sagt sie. Und den anderen acht Tieren ging es kaum besser. „Die Kettensägen schießen die Holzsplitter geradezu in die Körper. Die feinen Ohren werden einfach durchlöchert, an den Weichteilen gehen die Splitter unter die Haut.“ Eitrige Wunden seien die Folge, jüngst sei eine verletzte Fledermaus über und über mit Milben und Flöhen besetzt gewesen. „Die Abwehrkräfte der Tiere versagen irgendwann, dann haben Parasiten ein leichtes Spiel.“

Fast täglich, sagt die Tierärztin, würden ihr derzeit verletzte Fledermäuse gebracht. Häufig seien Quetschungen und Brüche zu beklagen, weil die Holzscheite mit den Fledertieren achtlos auf Lastwagen geworfen würden. „Wie viele Tiere verenden, weil sie während der Fahrt vom Lastwagen geweht werden, will ich gar nicht wissen“, sagt Keil.

Fledermäuse stehen unter Naturschutz, die großen Abendsegler sind sogar noch etwas mehr geschützt als die kleinen Zwergsegler. Werden sie bei der derzeitigen Kälte geweckt, haben sie in freier Natur kaum eine Überlebenschance. Fledermäuse müssen täglich etwa 25 bis 30 Prozent ihres Körpergewichts fressen. Doch Insekten, die sich während der Frostperiode jagen lassen, gibt es fast gar nicht.

Mit Schuldzuweisungen hält die Tierärztin sich zurück. „Wir wissen, dass die Stadt sich Mühe gibt“, sagt sie. Vor allem seien daher auch Privatleute gefordert, bei Fällarbeiten auf mögliche Höhlen oder Spalten zu achten, in denen Fledermäuse leben könnten. Wer verletzte Tiere findet, sollte umgehend den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) unter Telefon (05 11) 66 00 93 informieren oder das verletzte Tier bei der Heimtierpraxis der Tierärztlichen Hochschule im Bünteweg abgeben. Beide nehmen dann in der Regel Kontakt zu Tierärztin Keil auf.

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