Testflug

Forscher schießen kantiges Fahrzeug ins All

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Foto: Deutsche Forscher wollen Ecken und Kanten in der Raumfahrt etablieren.

Stuttgart - Ein Riesenschritt für die Menschheit ist es mit „nur“ 250 Kilometern himmelwärts nicht gerade – wohl aber für die Wissenschaft. Deutsche Forscher wollen Ecken und Kanten in der Raumfahrt etablieren. Dafür muss beim Testflug in den entscheidenden 45 Sekunden alles klappen.

Am Ende könnte die Raumfahrt ein Stück weit revolutioniert werden: Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wollen am Mittwoch (20. Juni) das scharfkantige Raumfahrzeug „Shefex II“ in der Praxis testen. Experimente etwa zu Hitze und Druck sollen Aufschluss bringen, wie Flugkörper künftig sicher und kostengünstig in die Erdatmosphäre geholt werden können. „Wir haben bestehende Technologien mit neuen Ideen gemixt“, sagte Hendrik Weihs vom federführenden DLR-Institut für Bauweisen- und Konstruktionsforschung in Stuttgart.

Von der norwegischen Raketenbasis Andøya schießen die Forscher das samt Rakete 12,6 Meter hohe Modul gut 250 Kilometer ins All. Nach etwa zehn Minuten soll es am Fallschirm nahe Spitzbergen landen. Wenn alles wie geplant klappt, wird das Raumfahrzeug mit elffacher Schallgeschwindigkeit von mehr als 12.000 Kilometern pro Stunde in die Atmosphäre eintreten. Diese Phase dauert etwa 45 bis 60 Sekunden, die Temperatur steigt Weihs zufolge an den Kanten auf bis zu 2500 Grad Celsius. Beim Flug wird „Shefex II“ kräftig durchgeschüttelt und dreht sich beim Aufstieg zweimal je Sekunde um die eigene Achse.

Mit „Shefex II“ testet das DLR verschiedene Hitzeschutzsysteme und Kühlsysteme, wie Weihs erklärte. Das Raumfahrzeug ist unter anderem mit über 300 Sensoren für Druck, Temperatur und Wärmefluss ausgerüstet. Anders als etwa bei den Space Shuttles besteht die Verkleidung nicht aus abgerundeten und einzeln angefertigten Kacheln, sondern aus ebenen Flächen. Diese sind einfacher und preiswerter herzustellen. Ein Haken könnte das Wetter sein. Sollte das nicht mitspielen, werde der Start eventuell spontan verschoben, sagte eine DLR-Sprecherin.

„Shefex“ steht für „Sharp Edge Flight Experiment“, also einen „scharfkantigen Flugversuch“. Vor sieben Jahren hatte das DLR bereits das Vorgängermodell „Shefex I“ getestet. Dabei kam das kantige Design unter weniger extremen Bedingungen auf dem Prüfstand. So war die Fluggeschwindigkeit beispielsweise nur halb so hoch. Planungen für eine dritte „Shefex“-Mission sind zurzeit im Gang.

Das Flugexperiment mit „Shefex II“ ist nach DLR-Angaben ein rein national finanziertes Projekt. In den vergangenen sechs Jahren wurden Weihs zufolge rund 15 Millionen Euro investiert. Ihre Erkenntnisse wollen die Wissenschaftler letztendlich in einen neuartigen, kleinen Raumgleiter einfließen lassen, der ab 2020 zur Verfügung stehen soll.

dpa

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