Auszeichnung für Immunologen

In den Fußstapfen von Paul Ehrlich

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Eine Büste vom Nobel-Preiträger Paul Ehrlich.

Frankfurt/Main - Es geht um unvorstellbar kleine Dinge - aber sie entscheiden darüber, ob wir gesund bleiben oder krank werden. Wäre ein Antikörper so groß wie ein Mensch, wäre die Oberfläche der Abwehrzelle so groß wie Freiburg. Von dort kommt der Paul Ehrlich-Preisträger 2014.

Paul Ehrlich erhielt 1908 den Medizin-Nobelpreis für seine bahnbrechende Theorie zur Immunabwehr. Dass 2014 der Freiburger Immunologe Michael Reth den renommierten Paul Ehrlich-Preis bekommt, passt nur zu gut: Seine Forschungen haben gezeigt, wie das genau funktioniert, was Ehrlich in seiner „Seitenkettentheorie“ als erster skizziert hat.

Das Immunsystem erkennt alles Fremde und produziert passende Antikörper, um die Krankheitserreger abzufangen. „Reth hat gezeigt, wie die B-Zellen des Immunsystems aktiviert und zur Produktion von Antikörpern veranlasst werden“, begründet der Stiftungsrat am Freitag seine Entscheidung, ihm den mit 100000 Euro dotierten Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis zu geben.

Wenn ein Antikörper so groß wäre wie ein Mensch, dann wäre die Oberfläche der Abwehrzelle so groß wie Freiburg. Auf jeder Abwehrzelle sitzen 120000 Rezeptoren für Antigene. „Würde man mit Google Earth auf eine solche Stadt herunterschauen, kann man keine einzelne Menschen sehen. Genauso wenig wie man mit einen Lichtmikroskop die einzelnen Antigenrezeptoren sieht“, sagt Reth (63), Professor für Molekulare Immunologie in eben dieser Stadt.

Dennoch gelang es Reth, tiefer in diese Bereiche vorzudringen. Was er herausfand, vergleicht er wiederum mit einer Stadt: Die Menschen verteilen sich nicht einzeln und wahllos über das Stadtgebiet, sondern sie bilden Gruppen. Genauso verhält es sich mit den 120000 Rezeptoren auf der Abwehrzelle. Wichtig ist diese Erkenntnis für die Frage, wie eine Abwehrzelle aktiviert wird, wenn Gefahr droht.

Lange Zeit glaube man, die Zelle werde aktiviert, indem ein Antigen andockt und damit einzelne Rezeptoren zu einer Gruppe zusammenführt. In Wahrheit ist es umgekehrt: „Die Bindung eines Antigens destabilisiert die Gruppe“, erklärt Reth. „Das ist der Anstoß zur Aktivierung der B-Zelle.“

„Reths Arbeiten folgen den Fußstapfen von Paul Ehrlich“, sagt die Stiftung. Der Nobelpreisträger (1854-1915) hatte als erster die Idee, dass die Immunabwehr über die Wechselwirkung zwischen einem Rezeptor auf der Zelle und einem Fremdstoff, der zu diesem Rezeptor passt, gesteuert wird. „Dieses Grundprinzip ist auch nach heutiger Sicht völlig richtig“, erklärt die Stiftung. Dennoch sei die Seitenkettentheorie lange Zeit abgelehnt oder ignoriert worden.

„Reth und seine Arbeitsgruppe haben fast neunzig Jahre später gezeigt, wie der Antigenrezeptor auf den B-Zellen aufgebaut ist und Reth ist jetzt dabei, die genaue Funktionsweise des Antigenrezeptors zu entschlüsseln.“ Aber es sind noch Fragen offen. Jetzt will Reth wissen, wie sich die Proteininseln bilden und was sie zusammenhält - und dieses Wissen auch für therapeutische Zwecke nutzen.

dpa

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