Biodiversität in Gefahr

Gefährden EU-Saatgutpläne weltweite Nahrungsvielfalt?

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"Große Probleme für Kleinbetriebe und den ökologischen Landbau": Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer.

Hannover - Für Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer ist es mehr als eine Frage des Geschmacks: Sollten die EU-Lizenzpläne für Saatgut in die Tat umgesetzt werden, ist die weltweite Biodiversität in Gefahr. Die Politik müsse die Vielfalt schützen - zur Sicherung der Ernährung.

Die jüngsten Lizenzierungspläne der EU für Saatgut gefährden laut Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer die weltweite Nahrungsmittelvielfalt. „Das fördert Saatgutmonopole, zulasten von mehr Vielfalt auf den Feldern und im Supermarkt“, sagte der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur in Hannover. Von den teuren EU-Lizenzen würden die großen Konzerne wie Monsanto, Bayer oder KWS profitieren. Die zehn größten Saatgutfirmen beherrschen nach Angaben der Zukunftsstiftung Landwirtschaft bereits heute mehr als 70 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes.

Kleine Betriebe hätten dagegen durch die teuren Zertifikate schon wegen ihres Marktanteils von zehn Prozent große Wettbewerbsnachteile zu befürchten, sagte Meyer. Nur zertifiziertes Saatgut soll den Plänen zufolge gewerblich angebaut und vertrieben werden dürfen.

Obwohl der in der Vorwoche von EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg vorgelegte Entwurf im Vergleich zur Erstfassung bereits „entschlackt“ wurde, hagelt es Kritik: Zwar seien Hobbygärtner inzwischen von der Lizenzpflicht ausgenommen, „aber wir sehen trotzdem sehr große Probleme in diesem Entwurf - vor allem für Kleinbetriebe und den ökologischen Landbau.“ Die geplante Bagatellgrenze, die Befreiung von der Lizenzpflicht für Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern oder einem Umsatz von maximal zwei Millionen Euro, reiche nicht aus.

Um Kosten zu sparen, würden durch die Regel große Unternehmen künftig weniger Sorten zur Zulassung bringen: „Damit sich die Lizenz lohnt, verdrängt man andere Sorten vom Markt.“ Beliebte Kartoffeln wie die Linda könnten dann vom Markt verschwinden. „Wir brauchen aber mehr Sortenvielfalt, gerade im Bio-Bereich“, forderte Meyer. Es dürfe nicht sein, dass künftig nur noch drei oder vier Apfelsorten in Supermärkten zum Kauf angeboten würden. „Andere Geschmäcker, andere Formen - für jeden Verbraucher ist Vielfalt doch was Schönes.“

Doch es gehe um mehr als Geschmack. „Das Klima verändert sich, es gibt immer wieder Schädlinge und Krankheiten“, betonte Meyer. Deshalb müsse die Politik die Vielfalt auch im Sinne der Biodiversität und damit zum Schutz der Ernährung der Menschen schützen.

„Wenn es nur noch fünf Sorten Reis gibt und vier durch einen Keim befallen werden, haben wir ein Problem. Dann geht es direkt um Welthunger“, sagte Meyer in Anspielung an eine Erfahrung von den Philippinen. Wurden dort in den 1960er-Jahren noch mehr als 3000 Reissorten angebaut, gab es in den 90er-Jahren nur noch zwei Sorten.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hält die Zertifizierungen zur Qualitätssicherung für wichtig. „Das Saatgutrecht darf aber nicht dazu führen, dass unsere Sortenvielfalt eingeschränkt wird“, sagte Aigner. Es müsse möglich sein, auch Saatgut von Sorten, die zum Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen können, zu vermarkten. „Daran werden wir den Vorschlag der EU-Kommission messen“, betonte Aigner.

dpa

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