Der Mut der Überlebenden

Geheilte Ebola-Patienten helfen Erkrankten

+
Foto: Mitarbeiter beraten im Ebola-Behandlungszentrum in Conakry die Aufgaben des Tages.

Guéckédou - Ebola-Überlebende, nun immun, organisieren in Guinea Hilfe zur Selbsthilfe. Während einige Kinder von Erkrankten betreuen, kämpfen andere gegen Stigmatisierung, beteiligen sich an Aufklärungskampagnen oder pflegen Patienten.

Es ist kein ganz gewöhnlicher Kindergarten, in dem Sabinetou Kamano arbeitet. Das liegt zum einen an den zu betreuenden Jungen und Mädchen, aber auch an Kamano selbst. Denn während die 40-Jährige das gefährliche Ebola-Virus überlebt hat und nun immun ist, sind die von ihr betreuten Kinder möglicherweise infiziert. Untergebracht ist der Kindergarten in einem großen grauen Zelt, in direkter Nachbarschaft zum Ebola-Behandlungszentrum in Guéckédou, einer Stadt im Südosten Guineas.

Die Ausstattung im Inneren des Zeltes ist spärlich. Ein paar durchgelegene Matratzen, mehrere grüne und blaue Plastikstühle. Dazu ein paar gespendete Spielsachen, ein Klapptisch und ein kleiner Gaskocher, um Wasser heiß zu machen.

Die Kinder, die hier gelandet sind, haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren könnten. Ihre Eltern werden nebenan in der Krankenstation behandelt oder sind bereits an Ebola gestorben. Ihre verbliebenen Angehörigen zögern oft, die Jungen und Mädchen bei sich aufzunehmen, nicht zuletzt aus Sorge, diese könnten infiziert sein.

Gemeinsam mit vier anderen Ebola-Überlebenden hat sich Kamano dazu entschlossen, jene Kinder zu betreuen, die ansonsten durch die ohnehin schon großen Maschen des Gesundheits- und Sozialsystems Guineas fallen würden. Einem Land, das wie seine westafrikanischen Nachbarn Liberia und Sierra Leone bereits heute schon heillos mit den fast 5000 Ebola-Toten überfordert ist.

„Ich behandele sie wie meine eigenen Kinder“, sagt Kamano, während sie den dreijährigen Dama in seinem Laufstuhl einen leichten Schubs gibt. Unablässig ertönt aus dem Spielgerät ein bekannter Disney-Song: „Es ist eine Welt des Lachens, eine Welt der Tränen/ Es ist eine Welt der Hoffnungen und eine Welt der Ängste.“

Für Dama dürfte es derzeit vor allem eine Welt der Tränen und Ängste sein. Der kleine Junge kam erst vor wenigen Tagen mit seiner Mutter in die Krankenstation. Während er keine Symptome zeigte, wurde seine Mutter positiv getestet. Um das Kind vor einer Ansteckung zu schützen, trennten die Ärzte beide. Dama hat sehr wohl begriffen, dass seine Mutter nicht mehr da ist. Doch um die Hintergründe zu verstehen, dafür ist er noch zu jung.

Nicht minder schwer ist das Schicksal der 18 Monate alten Yawa. Nachdem jüngst ihre Mutter an Ebola starb, möchte ihr Vater nichts mehr von ihr wissen. Er glaubt, das Mädchen sei „verseucht“.

Ebola-Überlebende kennen das alles: Stigma und Diskriminierung, die Angst sowie die schmerzvolle Separation. Und wer sonst außer den Geheilten, könnte den Babys und Kindern den Hautkontakt geben, den sie so dringend brauchen?

„Als ich in die Klinik eingewiesen wurde, dachte ich, dass ich da niemals wieder rauskommen würde“, berichtet Therese Feindouno. Die 33-Jährige hat ebenfalls Ebola überlebt und arbeitet heute in dem Kindergarten. „Ich war so erleichtert nach meiner Heilung, so dankbar, dass ich diese Hoffnung mit anderen teilen wollte.“

Ganz ähnlich ging es auch einem der ersten Überlebenden des Virus im Land, dem Krankenpfleger Saa Sabas Temessadouno. Der 48-Jährige erkrankte im April, nachdem er einen Ebola-Patienten versorgt hatte. Fast zwei Wochen lang stand sein Schicksal auf Messers Schneide. „Ich konnte nichts essen. Ich blutete, ich sah andere Menschen sterben. Ich hatte fürchterliche Angst“, sagt er. Doch dann fiel seine Temperatur, und fünf Tage später verließ Temessadouno die Krankenstation als geheilt - und immun gegen das tödliche Virus.

Danach habe er sich entschlossen, auch außerhalb des Krankenlagers den Kampf gegen den Erreger aufzunehmen. „Es ist wie ein Krieg. Selbst wenn es vorbei ist, musst du wachsam bleiben und brauchst Soldaten, die in Bereitschaft sind“, sagt Temessadouno. Der Krankenpfleger hat eine Vereinigung Überlebender gegründet, der mittlerweile etwa 50 Menschen angehören. Die meisten kommen aus Guéckédou und Umgebung, einem besonders von Ebola gebeutelten Gebiet.

Das Engagement der Vereinigung ist vielfältig. Weil sie immun sind, begleiten oder transportieren ihre Mitglieder Ebola-Verdachtsfälle in die Krankenstationen. Sie sprechen im örtlichen Radio über das Virus oder beteiligen sich an Aufklärungskampagnen, bei denen sie von Tür zu Tür gehen. „Wir agieren als Beispiele, um den Leuten zu zeigen, dass man Ebola überleben kann, und dass Überlebende nicht ansteckend sind“, sagt der Krankenpfleger.

Fast 700 Kilometer weiter westlich macht sich Djanko Traore auf den Weg in das Ebola-Behandlungszentrum der Hauptstadt Conakry, wo er erst kürzlich geheilt wurde. „Ich erlebe jeden Tag jetzt viel intensiver“, sagt der 26-jährige Student. Und auch wenn die Rückkehr in das Behandlungszentrum schmerzhafte Erinnerungen weckt, sieht Traore seine Aufgabe derzeit genau hier, um sich um die Patienten zu kümmern. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt und dass man es überwinden kann. Ich möchte Hoffnung und Mut machen.“

dpa

Kommentare